Europa

Semana Santa in Sevilla

60 Prozessionen. Nirgends in Spanien wird die Karwoche so bombastisch gefeiert wie in der Hauptstadt Andalusiens. Höhepunkt ist der Gründonnerstag und die Nacht auf den Karfreitag. Da ist Sevilla im Ausnahmezustand.

Ich war mitten drin. Von Gründonnerstag 15:00 Uhr bis Karfreitag 2:00 Uhr früh. Mitten drin in einem Spektakel, das alle meine Vorstellungen weit übertraf. Gründonnerstag in Sevilla – das ist schrill, laut, bombastisch, fantastisch. Und dann auch wieder voller Spiritualität und Ruhe. Die Spanier leiden und feiern in dieser Woche. Sie inszenieren die Passion Christi als barocke Oper.

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Nazarenos mit Spitzhut: Mehr als 3000 marschieren in manchen Prozessionen mit

Eine Million Schaulustige. Hauptbühne in Sevilla sind die Gassen um die Kathedrale Santa Maria de la Sede,  ums gegenüberliegende Rathaus und den Königspalast Real Alcázar. Dorthin strömen Massen. Die Innenstadt ist für den Verkehr gesperrt. Rund eine Million Menschen sind unterwegs, um die Prozessionen der 58 Bruderschaften möglichst hautnah mitzuerleben. Die Erfahrenen unter den Zuschauern haben Haushaltsleitern mit, um über die Köpfe hinweg freien Blick auf die Prozessionen zu haben; und Campinghocker, denn die Nacht der Nächte in Sevilla dauert bis in die Morgenstunden. Wer zahlt, bekommt einen Sitzplatz vor dem Haupttor der Kathedrale oder auf den Tribünen beim Königspalast. 30.000 bis 50.000 Klappsessel sind hier in 10er-Reihen aufgestellt.

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Wer sitzen will, muss zahlen: Tribüne beim Königspalast

24 Glocken läuten Hauptakt ein. Ab 17.00 Uhr spitzt sich die Atmosphäre zu. Eine elektrisierende Spannung liegt in der Luft. Alle 15 Minuten schallen jetzt die 20 mächtigen Glocken von der Giralda, dem Glockenturm der Kathedrale, und hallen in den Gassen wider. Jetzt ist ganz Sevilla in der Altstadt unterwegs. Die Bars und Restaurants mit ihren Tischen auf den Gehsteigen quellen über. Wer ewas auf sich hält, und das tun fast alle, ist herausgeputzt als ob er zur eigenen Hochzeit müsste. Die Männer in Anzügen, die Frauen in schwarzen Festkleidern. Viele tragen die traditionelle Trauertracht Peineta und Mantilla auf dem Kopf, ein 30 Zentimeter hoher Steckkamm mit schwarzem Spitzentuch, die ausschließlich in der Semana Santa getragen werden.

Weihrauch und Orangenduft. Eine Prozession nach der anderen zieht durch Gassen, vorbei an den Tribünen zur Kathedrale. Schwaden von Weihrauch mischen sich mit dem Duft der Blüten Hunderter Orangenbäume, die in der Altstadt stehen. Trommeln dröhnen, Trompeten schmettern – der Leidenszug Christi wird von 100 bis 150 Mann starken Kapellen schmerzlich dramatisiert.

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Man weiß nicht wo man zuerst hinschauen soll, in welche Gasse man gehen soll, um nichts zu versäumen. Ich halte mich an die Einheimischen und treibe im Hauptstrom mit. Es gibt auch Programmhefte, die im Detail über die einzelnen Umzüge der Bruderschaften informieren: Wann sie von ihrem Stadtviertel durch welche Gassen zu Kathedrale und zurück ziehen. Wie der Paso, der heilige Schrein, aussieht. Wie schwer er ist. Wie viele Träger in tragen. Welche Farben die Gewänder der Büßer haben und wie viele im Zug mit marschieren.

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3000 Büßer in einer Prozession. Die Zahlen sind imponierend. In manchen Prozessionen marschieren mehr als 3000 Nazarenos (Büßer). Sie tragen eineinhalb Meter lange brennende Kerzen in den Händen oder Holzkreuze auf ihren Schultern. Es sind endlose Prozessionen von schauriger Schönheit. Wichtigstes Herzeigestück jeder Bruderschaft ist der Schrein, ein bis zu 10 Meter langes und vier Meter breites Traggestell mit Figuren und Blumenschmuck darauf. Die schwersten haben mehr als 1000 Kilo. Bis zu 48 Costeleros (Träger) sind notwendig, um diese Dinger stemmen und bewegen zu können. Einweiser gehen voran, dirigieren die Träger durch die Gassen und die Menschenmassen.

Hölle für die Träger. Immer wieder müssen die Costeleros den Schrein abstellen und sich erholen. Wenn sie ihn dann wieder auf ihre Schultern wuchten und die Figuren auf dem Gestell dabei bedrohlich wackeln, applaudiert die Menge. Jede Bruderschaft engagiert 100 und mehr Costeleros, denn diese müssen sich beim Tragen abwechseln. Unter den mit schweren Stoffen ummantelten Gestellen hat es 40 bis 50 Grad und ein Umzug kann bis zu acht Stunden dauern. Hinter den Schreinen gehen Kinder mit Wasserflaschen, kriechen auf die Kommandos Erwachsener unter die Gestelle und versorgen die Träger mit Wasser.

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Marienschrein „paso de polio“

Es gibt zwei Arten von Schreinen. Jene, die den Leidensweg Christi zur Kreuzigung oder Jesus am Kreuz darstellen – die so genanten „pasos“. Und Schreine, die die Jungfrau Maria zeigen – die „paso de polios“. Maria ist darauf immer als junge, schöne Königin dargestellt und die Zuseher feiern sie mit lauten „Bonita“-Rufen, loben ihre Schönheit und trinken auf sie.

Durch einige Gassen ziehen auch Prozessionen ohne Musikkapellen und Schreine – nur mit Kerzen und Weihrauch. Als „Silencio“ (Ruhe) bezeichnet sie das Programmheft. Zum schrillen Pomp der anderen Umzüge bilden sie eine wohltuende Abwechslung und verströmen eine mystische Spiritualität.

Mein Tipp Besuchen Sie in der Semana Santa nicht nur Sevilla, sondern auch andere kleinere Städte. Zum Beispiel Granada (siehe Reportage), Baeza, oder das nur 30 Kilometer von Sevilla entfernte Kleinstädtchen Carmona. In Sevilla erleben Sie zwar ein fast außerirdisches Spektakel, aber wegen der Menschenmassen kommen Sie nicht so nahe an die Prozessionen heran wie in den Kleinstädten, wo weit weniger Menschen zusehen. Dort gelingen auch die besseren Fotos. Ich empfehle, am Karfreitag nach Carmona zu fahren. 30 Minuten sind es mit dem Auto. Dort erleben Sie zwischen Mittag und 15:00 Uhr noch eine sehr schöne, ruhige Prozession in entspannter Atmosphäre. Für Fotos können Sie da bis auf einen Meter an die Büßer und den Schrein herangehen. Und so nebenbei ist Carmona auch noch eine der hübschesten Städte Andalusiens mit einem sehenswerten römischen Gräberfeld.
Und ganz wichtig: Reservieren Sie Ihr Hotelzimmer in Sevilla mindestens 3 Wochen vorher. Zur Semana Santa ist Sevilla ausverkauft.

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Fotogalerie Semana Santa


Glossar für die Semana Santa

Hermandades = Bruderschaften. Religiöse Vereinigungen der Pfarren
Nazarenos = Büßer. Sie gehen zu Hunderten vor und hinter dem Schrein, tragen Spitzhüte, ihre Gesichter sind verhüllt
Paso = Schrein. Zeigt die Passion Christi. Manche sind über 1000 Kilo schwer
Paso del Palio = Schrein mit der Jungfrau Maria
Costeleros = Träger. Kräftige Burschen, die zum Schutz dicke Baumwolltücher auf Kopf und im Nacken tragen und Nierengurte wie Stemmer.
Peineta = schwarzer Steckkamm
Mantilla = schwarzes Spitzentuch, das von der Peineta bis zu den Hüften fällt. Peineta und Mantilla werden von den Frauen nur während der Karwoche getragen.


Hinweis: Diese Reise wurde von Raiffeisen Reisen unterstützt. Raiffeisen Reisen bietet  spezielle Andalusien-Rundfahrten. 6 Tage mit Flug und Halbpension in 4*-Hotels und vielem mehr ab 799 €.


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