Japan

Sushi im Schlafrock

Japan ist anders. Und wie! Zum Essen erscheint man im Hausmantel. Am WC wird der Allerwerteste vollautomatisch geduscht und gefönt. Und Verbeugen ist ein Volkssport.

von Karl-Heinz Jeller

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Die Geisha hat mich verführt. Genauer: Der Kinofilm über Japans kunstsinnige Gesellschaftsdamen. Nicht, dass mich das Herz-Schmerz-Epos sehr berührt hätte, es waren die Nebensequenzen über Land und Tradition, die meinen Appetit auf Japan geweckt haben.
Was wissen wir denn schon vom Land des Sonnenaufgangs? Dass die dort rohen Fisch essen, tolle Kameras bauen, auf ringende Dickwänste abfahren, tierisch viel arbeiten und mit ihren Chefs abends auch noch einen über den Durst trinken.
Zurück gekehrt, darf ich sagen, ich komme von einem anderen Stern. Drei Tage war ich dort und fühlte mich wie ein Außerirdischer. Die Geishas, nun ja, die waren nett, fantastisch bemalt und recht fotogen. Aber vieles andere war einfach unglaublich.

Drei große H’s dominieren Japan: Hightech, Höflichkeit und Hygiene. Schneuzen Sie sich doch ein Mal in Japan. Sie lösen eine Massenflucht aus. Staut sich’s in der Nase – müssen Sie aufziehen! Hörbar! Auch beim Essen! Das gehört zum guten Ton. Auch beim Tee trinken sollten Sie den dritten Schluck laut schlürfen. Damit signalisieren Sie, dass es schmeckt.
Sich ohne Anstrengung so richtig daneben benehmen – das kann man in einem Hotel japanischen Stils, einem Ryokan. Zum Essen erschien ich in Jeans. „Dame!“ grollte die Wirtin. Und das heißt nicht etwa – Sie sehen aus wie eine Frau – sondern: „So geht das nicht!“ In einem Ryokan hat man auch als Ausländer den Haus- und Bademantel Yukata zu tragen. Schuhe sind nach dem Check-in auszuziehen.

Damit die Füße nicht frieren, gibt’s Leihsöckchen und Pantoffel in Einheitsgröße 37. Europäer, die meist auf größerem Fuß leben, wetzen mit der Ferse am Boden. Im Restaurant bleiben auch die Pantoffel vor der Tür. Und zwar immer mit der Zehenspitzenseite zum Gang. Falsch abgestellte entlarven den Träger als schrecklich kulturlos.

Zurück zum Essen: Sagen Sie nie, dass Sie satt sind. Das ist grob unhöflich. Und lassen Sie nicht die Stäbchen im Reis stecken. Das ist Teil einer Beerdigungszeremonie und daher ziemlich unangebracht. Und geben Sie um Himmels willen kein Trinkgeld. Der Gast ist nicht König in Japan, sondern Gott – und bester Service ist selbstverständlich.

So richtig spannend wird’s am Klo. Dort macht Hightech die Hygiene-Anforderungen der Japaner zum wundersamen Spektakel. Ich muss zugeben, der erste Besuch hat mich erschreckt. Als ich mich dem Porzellan-Thron näherte, sprang plötzlich der Deckel automatisch auf. Vorsichtig setzte ich mich auf die Brille – und – dem Schrecken wich Entzücken. Sie war beheizt.
Nach vollbrachter Tat wird der Allerwerteste auf Knopfdruck mit zielgerichtetem, warmen Wasserstrahl gesäubert und zum Finish gefönt. Ein Dutzend Knöpfe erlaubt die individuelle Einstellung des Säuberungsvorganges. So sind etwa Stärke und Richtung des Wasserstrahls justierbar. Für Mädchen gibt’s einen Extra-Knopf. Manche der Automatik-WCs sind sogar mit Lautsprechern bestückt, aus denen Vogelgezwitscher tönt oder das Rauschen eines Baches. Laute Toilettengeräusche dürften die Japaner wohl nicht für einen Ausdruck prächtiger Gesundheit halten.

Kommen wir zur Höflichkeit, einem Aspekt Japans, den man als geübter Österreich-Urlauber so richtig genießt. Jeder Wunsch wird einem von den Lippen gelesen, und ständig verbeugt sich jemand – der Kellner, der Hoteldirektor, der Zugschaffner.
Sie sollten es zumindest dann tun, wenn Sie eine Visitenkarte überreichen (ein 70-Grad-Winkel ist dabei ideal). In die Situation kommen Sie oft. Das Visitenkarten-Verbeugungs-Überreichungs-Zeremoniell ist ein überaus bedeutendes in Japan. Auf einer einwöchigen Reise müssten Sie mit etwa 100 Karten auskommen. Halten Sie diese bitte beim Überreichen mit beiden Händen und lesen Sie Ihren Namen dabei laut vor.
Keinesfalls dürfen Sie ihrem Gegenüber die Hand geben, das ist – Sie ahnen es – unhygienisch. Auch im Taxi greifen Sie deshalb nur ja nicht zur Türschnalle. Japans Taxi-Türen öffnen sich hygienisch automatisch.

Wer sich günstig verpflegen will, lebt in Japan aus Automaten. Sie stehen an jeder Ecke, selbst auf dem heiligsten Berg Japans, dem Fuji. Meist treten sie im Rudel auf, ein halbes Dutzend an einer Stelle. Sechs Millionen gibt es im ganzen Land. Bier, Kaffee, Sushi, warme Nudelsuppe – Japans Selbstbedienungskästen bieten mehr Auswahl als bei uns eine Imbissstube. Auf 20 Japaner kommt ein Automat – das ist weltweit einzigartig.
Wie so vieles in diesem Land.

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