Abenteuer

Zwischen Gestern und Heute

Albanien braucht noch Jahre, um sich von der kommunistischen Misswirtschaft zu erholen. Vieles liegt noch im Argen. Für Reisende mit Entdeckergeist ist es aber gerade jetzt ein spannendes Ziel.

Perfektes Model: Fürs Foto zupfte die freundliche Dame ihren Rock zurecht

Perfektes Model: Fürs Foto zupfte die freundliche Dame ihren Rock zurecht

„Italia? Deutsch?“ – „Nein Austria!“ Der junge Bursch lacht: „Austria super!“ – und legt die Speisekarte auf den grob gezimmerten Holztisch. Ein A4-Blatt mit ein paar Zeilen drauf. Die Auswahl ist knapp: Ziege, Lamm, Schwein, Käse, Salat. Hinterm Haus drehen sich die toten Tiere auf Spießen über der Holzglut.

Stadt der Tausend Fenster. Ich sitze unter uralten Kastanienbäumen in der UNESCO-Kulturerbestadt Berat. Direkt am Ufer des Osum, der die Stadt in der Mitte durchschneidet. Vor mir die alte osmanische Steinbrücke. Dahinter ziehen sich die Jahrhunderte alten Steinhäuser den Hang hinauf. Mit Steindächern, weißen Fassaden, Holzveranden und großen Fenstern, die alle wie riesige Augen zum Fluss schauen. „Stadt der Tausend Fenster“ nennt man Berat deshalb auch. Die Lage des Lokals könnte nicht perfekter sein. Ich bestelle Ziege, Salat, Bier.

Höllenfahrt. Die Fahrt von der Küste nach Berat war die Hölle. 30 Kilometer perforierter Asphalt und geschotterte Piste mit Löchern wie Badewannen. Nach knapp zwei Stunden Fahrzeit sieht mein Auto aus als ob es tagelang in einem Zementwerk gestanden wäre. Es stimmt also doch: Die Straßen in Albanien sind miserabel. Entlang der Küste war noch alles eitel Wonne. Aber hier, im Landesinneren, sind sie nicht besser als in Schwarzafrika.

Drei Bier gegen den Staub. Doch jetzt sitze ich in dem urigen Lokal und warte auf Ziege und Bier. Das erste spült den Staub hinunter, das zweite und dritte schmeckt schon wie Bier. Auch das Ziegenfleisch ist fantastisch und die Schüssel Salat reicht für eine Familie. Ich zahle für alles 750 Lek – satte 5,50 Euro! Albanien ist sagenhaft günstig. Mein Quartier in Berat – ein kleines Haus mit Zimmer, Bad, Vorraum und 30 m² großer Dachterrasse – kostet mich mit Frühstück 20 €.

Schafhirte am Osum-Ufer

Schafhirte am Osum-Ufer

Junggesellen-Moschee. Berat ist neben Gjirokastra das interessanteste Besichtigungsziel in Albanien. Die Steinhäuser der so genannten Balkanarchitektur, einem Mix aus osmanischen und lokalen Stilelementen aus der Zeit der Türken-Herrschaft liegen ineinander verschachtelt an den Hängen links und rechts des Osum-Ufers. Im einst nur von Muslimen bewohnten Stadtteil Mangalem liegen drei Moscheen – die Junggesellen-, Blei- und Königsmoschee – und auf dem Hügel thront die Burg Kalaja. Im Stadtteil Gorica, auf der gegenüberliegenden Flussseite, sind das St. Spyridon Kloster und die Kirche mit ihren schönen alten Fresken einen Besuch wert.

 

Berats Catwalk. Abends muss man unbedingt durch die neue Fußgängerzone am Flussufer bummeln und in einem der vielen Straßenlokale einen Drink nehmen. Sie ist die Bühne Berats, auf der die Einwohner täglich ihre Auftritte haben. Fein herausgeputzt präsentieren sie ihre Garderobe, Pomade-gestylten Frisuren und ihre Kinder. Die Atmosphäre ist familiär-gemütlich und für Beobachter ziemlich unterhaltsam.

Straßenhändler mit Honig und Selbstgebrannten

Straßenhändler mit Honig und Selbstgebrannten

Kaum Touristen. Obwohl Berat das kulturell interessanteste Ziel in Albanien ist, sind Touristen hier exotische Mangelware, wie in ganz Albanien abseits der Massenstrände (siehe meine Story über Albaniens Strände). Offensichtlich ist die Angst vor dem Land der Skipetaren scheinbar noch groß. Man lese nach – von Karl May bis heute. Berichte über angeblich so schlechtes Essen, schlechte Quartiere, schlechte Straßen, Taschendiebe etc. schrecken ab.

Zu Unrecht: Bis auf die schlechten Straßen abseits der Küste kann ich nichts davon bestätigen. Das Essen ist nicht schlechter als in Kroatien, nur die Auswahl an Gerichten ist geringer. Meine Quartiere waren durchwegs ok. Die Taschendiebe verschonten mich. Oder es gibt sie nicht in gefährlicher Masse. Nie hatte ich das Gefühl, ich müsste mehr aufpassen als in Rom oder Marseilles.

Tanken in Albanien macht Männer nervös

Tanken in Albanien macht Männer nervös

Achtung beim Tanken. Ein Traumziel ist Albanien trotzdem nicht. Zuviel liegt seit dem Sturz des Kommunistischen Regimes im Jahre 1990 noch im Argen. Es ist über weite Strecken noch ein Land kommunistischer Plattenbauten und halbfertiger Rohbauten. Esel, Muli und Pferdefuhrwerke mühen sich ebenso über löchrige Landstraßen wie Kleinlaster und ramponierte Pkws. Diesel und Benzin sind verschmutzt und „ruinieren die Motoren“, erklärt mir ein Mechaniker. Sein Tipp: Bei den Tankstellenketten Alpet und Kastrati tanken, deren Treibstoff ist der sauberste.

Was auffällt: Albanien ist Mercedes-Land! Wohl 60 Prozent aller Autos sind Marke Mercedes, gefolgt von Audi und VW. Sie sind die Status-Symbole der heimgekehrten Gastarbeiter und der Oberschicht.

Bergdorf an der Küstenstraße

Bergdorf an der Küstenstraße

Gut gefallen haben mir die UNESCO-Kulturerbestädte Berat und Gjirokastra sowie die Küstenregion im Süden zwischen Sarande und Dukat. Entlang der so genannten Albanischen Riviera zieht sich majestätisch der 2000 Meter hohe Gebirgszug Mali i Cikes (auf deutsch Mädchen-Berg). Die Landschaft ist mit der in Kroatien vergleichbar. Von Süden kommend schraubt sich die Küstenstraße nach der Ortschaft Palase imposant zum 1030 Meter hohen Pass hinauf. Auf der Südseite ist der Berg noch gespenstisch karstig, auf der Nordseite dann üppig grün, dicht bewachsen mit Kiefern und Pinien. Diese Seite ist ein beliebtes Ausflugsziel der Albaner, wie bei uns der Semmering.

Ungeliebte Wahrzeichen: 750.000 Bunker

Ungeliebte Wahrzeichen: 750.000 Bunker

Pilze-Bunker. In den kühlen schattigen Wäldern entlang der Straße liegen an die zwei Dutzend Gasthäuser mit Grillplätzen. Eine Berg-Idylle, die nur von den legendären Klein-Bunkern gestört wird – den ungeliebten Wahrzeichen Albaniens. 750.000 dieser Betonpilze ließ Diktator Enver Hodscha zur Zeit des Kalten Krieges bauen – genug, um im Falle einer Invasion, sein ganzes Volk unter der Erde verschwinden zu lassen.

Tolerante Polizei. Hodscha ist tot – die Polizei geblieben. So viele Straßenpolizistin wie in Albanien habe ich nicht einmal in Kärnten gesehen, wo sie ja wirklich allgegenwärtig sind. In Albanien steht alle paar Kilometer ein uniformiertes Pärchen mit Stopp-Kelle oder Radarpistole. Die Einheimischen scheren sich dennoch nicht um Geschwindigkeitslimits, Einbahnsysteme, Überholverbote und Blinkregeln. Offenbar ist die Polizei recht gnädig.

Irgendwann habe ich mich angepasst und die Toleranz der Polizei mehrmals getestet – bin vor ihren Augen abgebogen wo es verboten war, habe eine doppelte Sperrlinie ignoriert und bin sogar ein Stück gegen die Einbahn gefahren. Das alles hat sie nicht im Geringsten interessiert. Wie gute Schiedsrichter beim Fußball ließen sie das Spiel und mich laufen. Eine gelbe Karte gibt es wohl erst, wenn man andere Verkehrsteilnehmer unfair stört. Dabei hätte ich erwartet, dass sie in korrupter Gier jede Chance nützen, Ausländer abzukassieren. Aber nein! Die waren alle super fair!

Mein höchst individuelles Resümee lautet daher: Das Land ist sympathisch – und noch ein Abenteuer. Tolle Strände, schöne Städte und spektakuläre landschaftliche Highlights hat es allerdings wenige zu bieten, dafür jede Menge netter und interessanter Erlebnisse mit seinen Menschen. Kurz: Ein Land für Reisende mit Entdeckergeist.

Bildgalerie Albanien

4 replies »

  1. Guter Bericht. Wir waren Mai / Juni dort und haben es ähnlich empfunden. Das Land ist immer für Überraschungen und Verrücktheiten gut, es bietet sich immer ein kleines Abenteuer…und die Menschen: einfach wundervoll offen und lustig. Strände konnten wir auch nicht finden, obwohl immer wieder von einsamen, schönen Buchten erzählt wird. Wenn du schreibst „spektakuläre landschaftliche Highlights“ hat Albanien nicht zu bieten, kann ich nicht zustimmen: die Berge und Täler die sich hinter den leider verbauten und verbetonierten Stränden auftun sind überwältigend…

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