Transsib

Mit der Transsib von Moskau nach Peking

von Karl-Heinz Jeller zarengold_image.jpg

Kommt Zeit, kommt Peking

Fotos Transsib

Endlose 7865 Kilometer quer durch Asien. Durch Taiga, Steppen und die Wüste Gobi. Ohne Zwischenstopps ist man 170 Stunden im Zug. Sieben Tage und sieben Nächte.
Vermutlich hat keine andere Reise mehr Erklärungsbedarf als diese. Mit dem Flugzeug würde man die Strecke bequem in sieben Stunden schaffen. Ein Raketenflug im Vergleich zur Reise mit der Transsib.
Eine Woche also bis ans Ziel. Das hat in Zeiten von Weekend-Flügen nach New York und der Gleichzeitigkeit durchs Internet schon wieder prickelnden Reiz. Was tun mit so viel Zeit? Was tun mit sich selbst?
Eine neue Dimension geht auf. Die Lust an der verlangsamten Bewegung. Ein Schachzug gegen die Betäubung durch Geschwindigkeit. Mit durchschnittlich 46,2 km/h fast ein Viertel um den Globus. Wenn das kein Luxus ist.
Die Fahrt mit der Transsib erschien mir für eine Luxus-Zeit-Reise geradezu geschaffen. Noch dazu wo die Transsib heuer ihr 100-jähriges Jubiläum feiert. Im Dezember 1901 rollten die ersten Züge bis Wladiwostok. Nur über den Baikalsee ging es damals noch mühevoll per Dampfer.
Mitte des 19. Jhd. war unter russischen Handelsleuten der Gedanke gereift, die Getreide-, Butter- und Pelzschatzkammer Sibirien mit einer Eisenbahn zu erschließen. Für die Zaren zählten mehr politische Argumente. Die ferne Kolonie konnte so leichter beherrscht werden.

Auf Knochen gebaut 1897 gab Zar Alexander III grünes Licht für diesen bahntechnischen und finanziellen Kraftakt Russlands. Am 19. Mai 1891 gruben sich die ersten Spitzhacken in gefrorene sibirische Erde. Mehr als 70.000 Arbeiter waren im Einsatz, großteils Sträflinge. Tausende kamen dabei um. „Die Transsib ist auf Knochen gebaut“, sagen die Russen.
Transsib heute: „Da brauchst du aber viel Sitzfleisch“, wundert sich ein Kollege über mein Reisevorhaben. Ehrlich gesagt erwartete ich mir nicht viel außer der Erfahrung Zeit und der maßlosen Weite Asiens. Birkenwald links, Birkenwald rechts. Viel Gegend und keine Landschaft. Doch vieles sollte anders kommen.
Sicherheitshalber entschied ich mich nicht für den regulären Zug Rossija, in dem schon nach dem ersten Tag die Klos verstopft sind und sich 30 Reisende zwei Waschbecken teilen, sondern für den touristischen Sonderzug Zarengold, den der Russlanderfahrene deutsche Veranstalter Lernidee Reisen mehrmals jährlich von Moskau nach Peking rollen lässt.

Nostalgischer Luxus Die Wagons der höchsten Kategorie (unbedingtes Muss!), ließ Nikita Chruschtschow in den 50er-Jahren für die Regierung bauen. Breschnew benützte sie ebenso wie heute Vladimir Putin. Edles Holz, blankpoliertes Messing, ein Plüschfauteuil in jedem Zweier-Abteil, eine perfekt funktionierende Dusche, Service vom Feinsten und das Essen – ein Gedicht. Auch Kaviar gibt’s nicht zu knapp. Immerhin hat Lernidee Reisen Putins Zug-Restaurantchef angeheuert. Und der genießt das Lob der Touristen mit bunter Pokemon-Krawatte auf stolzgeschwellter Brust.
Moskau–Peking. Richtig, das ist nicht die klassische Strecke der Transsib. Diese führt über schon schwer fassbare 9289 km nach Wladiwostok im südöstlichsten Zipfel Russlands. Aber es ist die touristisch weit interessantere. Wagon Lits bot sie abenteuerhungrigen Nobel-Touristen aus Europa schon in der ersten Hälfte des 19. Jhdts. als Erlebnis der Superlative an.
Bis Ulan Ude östlich des Baikalsees im tiefen Sibirien ist die Trasse mit der nach Wladiwostok ident, dicht entlang des 55. Breitengrades. Am Ufer des Baikalsees darf der Sonderzug sogar noch die alte, still gelegte Strecke befahren – im beschaulichen 20-km/h-Radeltempo wegen der altersschwachen Geleise. Bei Kilometer 5640 zweigt die Peking-Route nach Südosten auf die Transmongolische Trasse ab. 2225 spannende Kilometer sind es noch bis in Chinas Hauptstadt – durch die Steppen der Mongolei, die Wüste Gobi und ein Stück entlang der Großen Mauer.

Elf Tage im Abteil Immer wieder werden für Besichtigungen und Ausflüge Stopps eingelegt – in der Tartarenhauptstadt Kazan an der Wolga, in der sibirischen Hauptstadt Novosibirsk am Ob, in Irkutsk am Baikalsee, in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator.
Dazwischen schaut man aus dem Fenster, trinkt deutsches Bier im Salonwagen, schmunzelt über die deutschen Gäste, die wissen, wie das heruntergewirtschaftete Sibirien auf Vordermann zu bringen ist, genießt die spannenden Vorträge des Transsib-Profis und Chefs von Lernidee Reisen Hans Engberding über sibirische Winter, Wodka und Mongolensturm, liest kiloweise Bücher und genügt sich selbst.
Elf Tage ist der Zug das Zuhause der Transsib-Reisenden. Der Wechsel ins Vier-Sterne-Hotel in Peking wird nach 7865 Kilometer zum wehmütigen Abschied.

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Durchs wilde Sibirien
5000 Kilometer von Moskau nach Irkutsk: Kaviar im Zug, draußen ein Land aus Himmel, Wald und Sumpf

„Ich wünsche Ihnen viel Geduld – die braucht man auf einer Fahrt mit der Transsib.“ Die 120 Touristen honorieren die flapsige Begrüßung ihres Reiseleiters im Moskauer Hotel Ukraina mit einem Lacher zum ersten Wodka. Wirklich begreifen können sie seine Worte jetzt noch nicht.
Am nächsten Abend startet das große Abenteuer am Kazaner Bahnhof. Der Touristen-Sonderzug „Zarengold“ steht auf Gleis acht. Die Reisegruppe drängt wie betäubt durch das Menschengewurl. Händl er mit riesigen Bündeln, Bauern mit Hühnern, betrunkene Soldaten. Gesichter aus ganz Asien geben einen Vorgeschmack auf die lange Reise mit der Transsib.
Die erste Nacht vergeht wie im Flug. Um 10.30 Uhr wird es dunkel, um 3.00 Uhr wieder hell. Richtig finster wird es im Sommer am 55. Breitengrad nicht. Der Wagonkellner bringt mir Tee aus dem dampfenden Samovar und verwandelt mein Bett in ein Tagessofa. Der Blick aus dem Fenster zeigt selten Neues. Die Landschaft Westsibiriens ist eintönig. Birkenwälder und Sümpfe. Am Morgen steigt Nebel auf und glitzert im schrägen Licht, den Abend beschließt ein roter Feuerball. Nur ab und zu begrenzt die grüne Mauer nicht den Blick. Dann erspäht man vielleicht einen See, Wiesen, bunt bemalte Holzhäuser, verfallene Fabriken, Dörfer und Städte die mit Rost und Ruß überzogen scheinen.

Cola & Tartaren-Pop Vorne surrt die Elektrolok gleichmäßig, frisst sich Kilometer um Kilometer in den Osten. Und allmählich spürt man sie – die maßlose sibirische Weite. 1777 km bis zum Ural, 5185 bis Irkutsk. Die Zeit wird etwas Relatives. Sie ist hell und dunkel.
Zweiter Tag, erster Stopp. In der Tatarenhauptstadt Kazan an der Wolga (Maxim Gorki lebte hier vier Jahre) wird emsig restauriert. 2006 feiert sie das Millennium. Dafür kommt viel Geld aus Moskau. Über der weiten Flussbiegung thront der Kreml. Die Kuppeln der orthodoxen Kirche leuchten in frischem Blau und Gold. An einer neuen Moschee (50 der Bevölkerung sind Moslems), wird intensiv gebaut. Sie wird die größte außerhalb der islamischen Welt. Schon fertig ist die Fußgängerzone – außer in Irkutsk gibt es sonst keine in Sibirien: Kleine Geschäfte, Cola-Kioske, ein McDonald’s. Aus krächzenden Lautsprechern dröhnt Tartaren-Pop. Die Mädchen tragen Selbstgeschneidertes an der Grenze zum Frivolen. „Der Bär“, das beste Restaurant der Stadt, verwöhnt die „neuen Russen“, so die Bezeichnung der Neureichen, mit internationalen Weinen.
Zwei Tage später, 1000 Kilometer weiter. Die Landschaft wird abwechslungsreicher. In langen Kehren schnaubt die Transsib den Ural hinauf. Bei Kilometer 1777 markiert ein unscheinbarer weißer Obelisk die Grenze zwischen Europa und Asien. Fotoapparate klicken.

Mafia-Friedhof Gleich hinter dem Ural liegt Jekaterinburg, wo die Bolschewiken 1917 die Zarenfamilie erschossen. 40 Kilometer außerhalb, dort wo die Leichen verscharrt wurden, entsteht ein Romanov-Memorial. Touristen-Attraktion des neuen Russlands dagegen ist der Friedhof. Die lokale Mafia schmückt hier die Gräber ihrer Opfer mit bombastischen Kreationen.
Nach Jekaterinburg begleitet uns wieder die Taiga, der größte Wald der Welt. Von der Wolga reicht er mehr als 9000 Kilometer weit bis zum Pazifik. Ein schlammiger Urwald aus Tannen, Fichten, Kiefern und Birken, in dem der Boden selbst im Sommer nur wenige Zentimeter auftaut. Im Frühjahr, zurzeit der Rasputniza, der Wegelosigkeit, versinkt alles im Schlamm.
Bevor es die Transsib gab, war die Reise durch Sibirien die reinste Höllenqual. Sechs bis acht Wochen brauchten die Kutschen von Moskau nach Irkutsk, die Kolonnen der zu Fuß marschierenden Verbannten ein ganzes Jahr.
Wir aber genießen allen Komfort. Der Essensplan bestimmt unseren Tagesrhythmus. Kaviar- und Wodkaverkostung um 16.00 Uhr mit Erklärungen. Aha, nicht auf Weißbrot, sondern hauchdünnen Palatschinken isst der Russe die Störeier. Völlerei wieder beim Abendessen. Herrlich die Rote-Rüben-Suppe Borschtsch. Dazwischen eine halbe Stunde Russisch-Kurs mit Reiseleiter Valeri. Aha, Gummiknüppel heißt „Demokratisator“.
Vierter Tag, Kilometer 3336, ein Kilo zugenommen: 820 Meter spannt sich die Eisenbahnbrücke kühn über den Ob in Sibiriens Hauptstadt Novosibirsk. Geplant als Silicon Valley der UDSSR, ist sie heute an Hässlichkeit kaum zu überbieten. Aber hier wurde Großes geschaffen. Die größte Oper und der größte Bahnhof der Sowjetunion, ein monumentales Lenin-Denkmal, das Ostberlin nicht haben wollte und – etwas außerhalb – Akademgorodok, die Akademikerstadt mit 21 Unis.

Eine Lok für Wodka Endlich! Ab Krasnojarsk, Kilometer 4098, wird die Gegend wieder zur Landschaft. Verlief die Strecke bisher größtenteils wie ein Strich, geht’s jetzt in weiten Kurven hügelauf und hügelab. Das Land lässt sich endlich ins Herz schauen. Dörfer liegen an sanften Waldhängen lieblich in der Sonne. Kinder plantschen auf Auto-Schläuchen in eiskalten Flüssen.
Noch 1000 Kilometer bis Irkutsk. 24 Stunden – so alles gut geht. Doch das tut es nicht immer in Russland. Bei einer Sonderfahrt im Vorjahr, kuppelte ein Lokführer seine Maschine einfach vom Zug und machte sich davon, weil ihm ein Zwischenstopp zu lange dauerte. Erst eine gröbere Wodka-Lieferung bewog ihn zur Rückkehr. Die Transsib funktioniert eben wie ganz Russland – irgendwie.

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Naturwunder mit Ablaufdatum
Der Baikalsee ist der wasserreichste See der Welt und ein Faszinosum voller Geheimnisse

Wer Irkutsk nicht gesehen hat, hat Sibirien nicht gesehen, hieß es um 1900. Damals galt die Stadt am Angarafluss beim Baikalsee als „Paris Sibiriens“. Heute ist ihr einstiger Glanz nur mehr zu erahnen. Der Tourismus könnte aber wieder etwas davon wiederbringen.
Tatsächlich stand Irkutsk damals den europäischen Metropolen um nichts nach. Es war wichtiger Handelsplatz für Pelze, Tee und Seide. In den Geschäften bot man feinste Stoffe aus England an und die neuesten Schweizer Uhren. In noblen Restaurants wurden Austern, Artischocken, Kaviar und Trüffel aufgetischt. Ihre Holzhäuser – von denen viele noch erhalten, wenn auch verkommen sind – waren wegen ihrer prunkvollen Schnitzereien weltweit berühmt. Und die Hotels hatten Weltniveau. Das Grand Hotel auf der Großen Straße etwa, das heute von einem plumpen Wohnblock verdeckt wird, ähnelt bis ins Detail dem Hotel Sacher in Wien. Irkutsk, so hieß es damals, ist auf Reisende eingerichtet.
Heute gilt als bestes Hotel der Stadt ein zehnstöckiger Kasten in Plattenbauweise – das Intourist. Doch es herrscht wieder Aufbruchstimmung. Es wird gefärbelt und gebaut. Die Geschäfte sind voll mit Westwaren – von Marlboro bis Moulinex. Und entlang der gestauten Angara, zwischen der Stadt und dem 60 Kilometer entfernten Baikalsee, entsteht eine Satellitenstadt im Birkenwald mit villenähnlichen Eigentumshäusern. Quadratmeterpreis: 1500 €, (20.000 S). Neureiche Russen und Reisende aus aller Welt kommen wieder nach Irkutsk.

Fisch aus Öl Hauptgrund ist der nahe Baikalsee am Fuße schneeglitzernder Berge, eines der größten Naturwunder dieser Welt. Er ist der älteste, tiefste, wasserreichste See der Erde: 636 km lang, bis zu 80 km breit und 1637 m tief. Er enthält mehr Wasser als alle fünf großen amerikanischen Seen zusammen – ein Fünftel des gesamten Süßwasserreservoirs der Welt. Amazonas, Nil, Ganges und alle anderen großen Flüsse der Welt müssten ein Jahr fließen, um ihn zu füllen. Und würde man sein Wasser auf die ganze Erdkugel verteilen, würde sie diese 20 Zentimeter hoch bedecken.
Faszinierend ist auch seine Tier- und Pflanzenwelt. Rund 1500 Arten sind endemisch, kommen also nur dort vor. Etwa der Golomjanka, ein durchsichtiger Fisch, der zur Hälfte aus Öl besteht. Oder die 60.000 Baikalrobben die hier als einzige Süßwasserrobben der Welt leben. Wie sie hierher kamen ist noch ungeklärt.
„Heiliges Meer“, nennen die Burjaten, die Ureinwohner, ihren See, den sie lieben, aber auch fürchten. Denn binnen Minuten kann er sich vom friedlichen Bergsee in ein tosendes Meer verwandeln, mit vier bis fünf Meter hohen Wellen und gefährlichen Stürmen. Immer wieder fordert er Tote.

Bahnhof aus Marmor Von der Stadt Sludjanka, mit dem einzigen Bahnhof der Welt aus reinem Marmor, zweigt die alte Transsib-Trasse nach Port Bajkal ab. Eine Diesel-Lok zieht uns auf altersschwachen Geleisen das Steilufer entlang. Höchsttempo: 25 Stundenkilometer. Die Dörfer mit den alten Holzhäusern entlang der Strecke sind armselig. Arbeit gibt es kaum. Und wenn, schlecht bezahlt. 97 Prozent wählten zuletzt auch wieder die Kommunisten.
Geld könnten die Touristen bringen. Der neue Flughafen in Irkutsk ist fertig, entlang der historisch Transsib-Trasse nach Port Bajkal entstehen Blockhäuser für Urlauber, und in den Bergen baut die österreichische Firma Doppelmayer nächstes Jahr ein Skigebiet aus.
Die „Neuen Russen“, die Neureichen, haben den Reiz des Sees ja schon vor Jahren entdeckt. Wie entfesselt bauen sie an den Ufern neue Datschen, ohne sich um Bauvorschriften zu kümmern. Die Abwässer fließen ungeklärt in den See.
Warnende Stimmen werden nicht gehört. Wie schon 1996, als in Bajal’sk am Südufer – die Transsib fährt dran vorbei – die Zellulosefabrik in Betrieb genommen wurde. Täglich schluckt sie 5000 m³ Holz aus der Umgebung und erbricht 210.000 m³ chlor- und dioxinhältige Abwässer in den See. Umwelt-Experten fürchten, dass dieser die Schweinerei nicht mehr lange verdaut.

Eine Prise Realität Abendstimmung in Port Bajkal. Stählern leuchtet der See. Am Ufer treiben Eisschollen. Aus manchen Häusern hört man die Menschen schwermütige Lieder singen. In Port Bajkal setzten die Transsib-Züge früher mit einem Dampfer über den See. Die lange Südufer-Trasse wurde erst in den 50er-Jahren gebaut. Heute ist Port Bajkal bedeutungslos und nur mehr nostalgisches Ziel für Transsib-Touristen.
Für die Sonderzugreisenden wird zwischen den Geleisen am Bahnhof ein Picknick arrangiert. Die Burschen des Dorfes knattern mit russischen Beiwagen-Maschinen durch die Gruppe. Ein paar Buben nützen die kommunistischen Dorf-Lautsprecher, sich eine Gaudi mit den Touristen zu machen. Einige der Reisenden genießen den Spaß, die meisten flüchten bald in die sicheren Wagons. Russland durchs Zug-Fenster, individuell erlebt. Die Realität hat niemand gebucht.

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Bei den Erben Dschingis Khans
Mongolei: Endlos grüne Steppe, drei Millionen Pferde und viel deutsches Bier

„Dooo youuu have aaa peeenn?!“ Wie ein Opernsänger singt mir der mongolische Zöllner um Mitternacht diese Frage ins Abteil. Seine Assistentin steht wie Lara Croft breitbeinig im Tarnanzug neben ihm.
Willkommen in der Mongolei. Der erste Empfang ist kabarettreif. Der zweite wie aus einem Actionfilm. Faustgroße Steine krachen an die Wagonwände als der Zug durchs erste mongolische Dorf fährt. Igor, unser Wagon-Steward, löscht das Licht, damit die Scheiben nicht getroffen werden. „Das ist hier so etwas wie ein Volkssport“, sagt er kopfschüttelnd.
Willkommen in der Mongolei. Die ersten Eindrücke täuschen zum Glück. Die Erben Dschingis Khans erweisen sich in weiterer Folge als recht friedlich und gesellig.

Steppe Als der Morgen graut, hat sich die Landschaft total verändert. Sibirien liegt endgültig hinter uns. Wie ein sattgrüner Golfplatz dehnt sich jetzt die mongolische Steppe bis zum Horizont. Kurz geschoren von 30 Millionen Weidetieren. Dazwischen 200 Meter hohe felsige Gebirgsstöcke und ab und zu ein weißer Pilz – Jurten, die „Häuser“ der Mongolen. „Da siehst du heute schon wer morgen kommt“, kommentiert ein Transsib-Reisender diese nicht endende Weite.
Nur 2,5 Millionen Einwohner hat die Mongolei auf einer Fläche die knapp 20-mal so groß wie Österreich ist. Die meisten ziehen noch wie vor Hunderten von Jahren als Nomaden durchs Land. In einer Stunde ist eine Jurte aufgebaut. Zwei Pferde können das gesamte Hab und Gut einer Familie tragen.

Null Sterne So biblisch schön die Mongolei ist, so anstrengend lässt sie sich bereisen. Abgesehen von ein paar schlaglöchrigen Asphaltpassagen um die Hauptstadt Ulan Bator gibt es nur holprige Pisten und die Hotels in den paar wenigen Orten haben Null-Sterne-Komfort. Wer das Abenteuer unter Kontrolle halten will, fährt am besten mit der Transsib – oder richtiger – mit der Transmongolischen Eisenbahn wie die Südost-Trasse von Ulan Ude in Russland nach Peking heißt.
Einen Tag und eine Nacht braucht der Zug von der Grenze Russlands bis in die Hauptstadt Ulan Bator. Bahnhöfe gibt es keine dazwischen. Die regulären Züge halten irgendwo bei ein paar Jurten. Ein „Fahrdienstleiter“ –stramm zu Pferd – hält mutterseelenallein seine Kelle in die Höh‘, als unser Sonderzug vorbeipfeift.

Stadt aus Filz Dann endlich Ulan Bator. Bevor die Russen hier in den 50er-Jahren Plattenbau-Blocks hochzogen, war UB, wie sich die Stadt nach US-Vorbildern abkürzt, eine Filzstadt. Statt Häuser fast nur Jurten. Heute noch lebt ein Viertel der Einwohner in den runden Filzzelten.
Doch UB entwickelt sich rasant. Gab es hier vor zehn Jahren kaum Autos, verstopfen heute 250.000 die Straßen – darunter jede Menge japanischer Edel-Allrads. In Mode sind Internet-Cafés und deutsche „Biergärten“. Der bekannteste heißt „Khan-Bräu“. Ein Deutscher braut dort das gleichnamige Bier nach vaterländischer Kunst. Hier trifft sich bei rockiger Live-Musik Ulan Bator – vom Geschäftsmann bis zum Studenten. Auch Wien lässt mit „Sachers Café“ grüßen. Und die Hotels? Das beste der Stadt, das „Baya Gol“, überzeugt mit Weststandard.

Buddha is back Besuchen muss man auch das buddhistische Gandhan-Kloster, das einzige von einst 800, das die Kommunisten verschonten. Es ist quirliges Ziel für Tausende Pilger, denn der Buddhismus ist wieder im Aufwind. 150 zerstörte Tempel und Klöster wurden neu aufgebaut. Lohnenswert ist auch der Blick vom russischen Heldendenkmal Zaisan-Memorial über die Stadt und ein Besuch im Folklore-Theater Tumech beim Kinderpark, wo alte Tänze- und die traditionellen Kehlkopf-Gesänge auf höchstem Niveau präsentiert werden. Ansonsten bietet Ulan Bator nicht viel.

Edelweiss und Enzian Die Schönheit des Landes liegt außerhalb der Hauptstadt. Zwei Autostunden entfernt im Terelj-Nationalpark etwa wo sich die Steppe von ihrer idyllischsten Seite zeigt. Die sattgrünen Wiesen sind übersät mit Enzian und Edelweiß, Murmeltiere pfeifen und über riesigen Granitblöcken (einer sieht aus wie eine Schildkröte) kreisen Bussarde. Nicht umsonst heißt dieser Park auch „die mongolische Schweiz“.
Für die wenigen Touristen, die nun ins Land kommen, ist er eine der Hauptattraktionen. In den letzten Jahren entstanden hier mehrere Jurten-Camps. Yaks bringen das Gepäck zum Zelt und Nomaden der Umgebung führen wilde Reiterspiele vor. Und wer auf den kleinen schnellen Mongolenpferden über die Steppe donnern will, leiht sich für ein paar Dollar ein Pferd bei der nächsten Jurte aus und galoppiert in den glutroten Sonnenuntergang.

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Die Stadt, die ihre Bäume duscht
Endstation Peking, das sich für Olympia 2008 eine Schönheitsoperation verpasst

Der Entschluss ist schnell gefasst: Die Mongolei ist eine eigene Reise wert. Denn die Transsib-Tour ist nur ein Appetizer – die Nacht in der Jurte und ein Tag in der biblisch schönen Steppe bei wilden Reitern, Yaks und Tausenden Pferden machen Hunger auf mehr.
Auch das Datum ist schnell fixiert. Mitte Juli ist die rechte Zeit für einen längeren Mongolei-Besuch. Dann, wenn im ganzen Land drei Tage lang das Nadaam-Fest gefeiert wird und kein Mongole daheim in seiner Jurte bleibt. Nadaam ist ein Volks- und Sportfest. Reiten, Ringen und Bogenschießen stehen turbulent im Mittelpunkt – jene drei Kriegskünste, mit denen der Mongolenfürst Dschingis Khan im 13. Jahrhundert das größte Weltreich schuf.
Hunderte fleischwabbelnde Ringer in bunt bestickten Höschen treten im K.o.-System im Stadion der Hauptstadt Ulan Bator gegeneinander an. Der Sieger genießt mehr Achtung als der Präsident. Bogenschützen in Lederstiefeln und bunten Wollmänteln schießen auf Ringe und Lehmziegel. Und Hunderte Reiter donnern in einer riesigen Staubwolke über die Renndistanz von 30 Kilometer. Nadaam versetzt ein ganzes Volk in Ekstase und Touristen in Begeisterung.

Entlang der Mauer Doch wir steuern auf Peking zu. Vier Loks ziehen den Sonderzug „Zarengold“ jetzt über weite Serpentinen durchs grüne Steppenhochland südlich von Ulan Bator. Der Blick reicht so weit wie am Meer, ab und zu eine Jurte, ab und zu Schafherden und unzählige Pferde, von denen es in der Mongolei drei Millionen gibt.
Acht Stunden später pfeift der Zug schnurgerade durch die Wüste Gobi, die hier kaum Abwechslung bietet. An der chinesischen Grenze ist Endstation für den Transsib-Zug „Zarengold“, denn hier enden die breiteren russischen Geleise. Wir wechseln in den chinesischen Sonderzug „Gobis Morning“. Blütenweiße Bettwäsche, ein großzügiger Waschraum, fantastisches Essen – da lässt sich’s aushalten.
Draußen grüßen die ersten Reisfelder und kurz vor Peking geht’s ein Stück entlang der Großen Mauer.
Im Fieber von Olympia Eine Stadt auf der Überholspur, im Fieber von Olympia 2008. Peking will der Welt perfekte Spiele inszenieren und ein neues Gesicht zeigen. Überall leuchten die Reklamen für die Olympiade, die Häuserfassaden in den großen Straßen sind frisch gefärbelt und sogar die Bäume werden nun regelmäßig gewaschen.
Gebaut wird im Zeitraffer-Tempo – neue U-Bahnen, eine Stadtbahn, zwei neue Ringstraßen, 400 Kilometer Stadtautobahnen, der alte Flughafen wird renoviert, 15 neue Sportstätten entstehen, 17 werden modernisiert und hinter dem Parlament wird endlich das schon 70 Jahre lang geplante National-Theater gebaut. Es soll, so heißt es selbstbewusst, das schönste der Welt werden. Auch grüner will Peking werden. 48 Prozent der Stadt soll bis 2008 Grünfläche sein, so das ehrgeizige Ziel. Die Aufrüstung für die 29. Olympischen Spiele wird letztlich um die 30 Milliarden Schilling kosten.
Aber schon in den letzten Jahren hat sich Peking im Eiltempo in eine moderne Metropole verwandelt. Alte Stadtteile wurden geschliffen, Hochhäuser und zehnspurige Straßen gebaut, der Tiananmen-Platz, der größte Platz der Welt, wurde neu gestaltet und die „Verbotene Stadt“, einstiger Kaiser-Sitz und Pekings Touristen-Magnet Nummer 1, auf Hochglanz poliert.

Große Zukunft Peking ist heute das fünftbeliebteste Reiseziel der Welt und könnte, nach Prognosen der Welttourismusbehörde WTO, in 20 Jahren das beliebteste sein. Die jährlichen Zuwachsraten sind zweistellig. Knapp 3 Millionen Ausländer besuchten Peking im Vorjahr und ließen umgerechnet mehr als 40 Milliarden Schilling zurück. Im Sommer gleicht die „Verbotene Stadt“ längst einem Ameisenhaufen. Im Jahr 2020 wird der Strom der China-Besucher, so die WTO, auf 145 Millionen jährlich anwachsen und die chinesische Kapitalbilanz mit 1,2 Billionen Schilling aufputzen.

Peking-Ente Das Programm der Transsib-Reise sieht in der 13-Millionen-Metropole die üblichen Highlights vor: Verbotene Stadt, Himmelstempel (Pekings Wahrzeichen), ein Ausflug zu den Ming-Gräbern und zur Großen Mauer 20 km außerhalb und natürlich – unumgängliches Muss – ein Peking-Enten-Essen.
Für Peking gilt dasselbe wie für die Mongolei: Die Transsib-Reise weckt den Appetit, um es zu erleben, muss man ein zweites Mal hin.

Kategorie Slow Travel

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