Osttirol

Geheimtipp Villgratental

Nahe der italienischen Grenze versteckt sich ein Tal vor der Welt. Sanfter Tourismus ist dort kein Modetrend, die Villgratener ließen nie einen anderen zu.

Sie mähen ihre steilsten Wiesen mit Steigeisen und essen lieber Erdäpfel, als sich den Daitsch’n an den Hals zu werfen: Die Villgrat’ner halten nichts von Touristenmassen, aber viel von Gästen, die den Weg durch die enge Talöffnung allein finden.

Als Autofahrer muss man höllisch aufpassen. Der Wegweiser nach Villgraten ist klein. Und auch die Berge geben an dieser Stelle des Osttiroler Hochpustertales bei Sillian nur einen Moment den schmalen Taleinschnitt preis. Direkt nach Norden biegt das Villgratental dort im rechten Winkel ab, kaum 100 Meter breit, um gleich nochmals – quasi um sich vor Fremden zu schützen – einen Haken nach Westen zu schlagen. Nur für den wildschäumenden Villgraterbach ist Platz. Selbst die enge Straße musste den steilen Bergflanken mit Stützmauern abgetrotzt werden.

Höfe im Hang. Die mächtigen Bauernhöfe oben auf den Hängen, die auch heute noch im traditionellen Stil aus Holz gebaut werden, drohen regelrecht abzurutschen. Erst nach fünf Kilometern gibt das Tal die Verteidigung etwas auf. Ab Außervillgraten rücken die Berge allmählich auseinander, nicht weit, nur so viel, dass neben Fluss und Straße ein paar Wiesenstreifen Platz finden und den Gehöften oben etwas weniger steile Bergwiesen gönnen.

Das Villgratental versteckt sich erfolgreich trutzig vor dem Rest der Welt. Tat es immer schon, ist bis heute ein vergessenes Tal geblieben. Nur für einige Wochen machte es vor Jahren Schlagzeilen. Als ein Wilderer mit rußgeschwärztem Gesicht von einem Jäger erschossen wurde. Immer schon hasteten die Urlauber am unscheinbaren Wegschild bei Sillian vorbei, auf dem Weg ins nahe Pizzaland Italien. Und die, die wissend oder aus Versehen abgebogen waren, hüteten ihre Entdeckung meist wie ein heiliges Geheimnis. Zum Glück. Denn so ist Villgraten weitgehend das geblieben, was es war: Ein wildes Bergtal mit stolzen Bauern, denen das Umschmeicheln der Geld-bringenden Fremden zutiefst zuwider ist, die sich ihre Heimat nicht verschandeln ließen.

Almhütte. Hinter der engen Talöffnung gibt es nichts modisch Aufregendes. Oder doch? Dort zieht sich der Butterer-Bauer am Sonntag auf der Alm noch das weiße Hemd an und kniet sich vor den Herrgottswinkel, wenn die Glocken aus dem Tal herauftönen. Als Student habe ich mich in dieses spröde Tal vernarrt und mir einen Sommer lang eine Almhütte gemietet. Es war Liebe auf den ersten Blick. Und ich erinnere mich noch genau, wie sich die Bauern allesamt gewundert haben, als der junge Student am Vormittag wie eine außer Kontrolle geratene Maschine einen Meter Holz hackte, nur, um die Scheiter am helllichten Nachmittag vor der Hütte als Lagerfeuer zu verbrennen und in die Glut zu starren – aus romantischer Laune. Das musste unverstanden bleiben, in einem Tal, wo der Winter acht Monate dauert, beißend kalt ist und jedes Scheit mühsam erarbeitete Wärme bedeutet.

Und ich erinnere mich an den fragenden Blick des Bauern Jörgele aus Außervillgraten, als ich mir zum Holzziehen einen Zappin ausborgte. Obwohl ich das Werkzeug mit dem richtigen Dialekt-Namen nennen konnte, sah er mich von oben bis unten an, prüfte meine schmale Statur, nicht glauben könnend, dass ich mit der pickelähnlichen Hacke auch wirklich umgehen könnte – gab sie mir dann und sagte: „Das ist so ein Gerät“.

Ja , ja! Jahre später habe ich ihn wieder besucht. Als ich in die holzgetäfelte dunkle Stube trat, lag er auf der Ofenbank, schnarchte im Rhythmus der Pendeluhr. Auf mein penetrantes Husten wachte er schließlich auf, rieb sich die Augen und sagte nur: Der Student! Dann brachte er Speck und Selbstgebrannten, wuzelte sich eine Zigarette und sagte mit einem philosophischen Seufzer: „Ja, ja!“

Wir wussten beide warum. Das Tal hat sich verändert. Die Touristen waren doch nicht ausgeblieben. Wenn sie auch nach wie vor rar bleiben. Aber die Almhütten werden jetzt an Gäste vermietet, die bei Petroleumlicht und Dusche am Trog vor dem Haus regelrecht ausflippen. Und tagelang darüber reden können, dass sie sich bei der Nachbaralm die kuhwarme Milch zum Frühstück holen. Ja, ja! Auch der Jörgele vermietet. Eine große, traumhaft gelegene Alm mit einer noch intakten Rauchkuchel, einer Kapelle davor und einem vorbeimurmelnden Bach.

Rund 50 Hütten werden im Villgratental und den beiden Seitentälern Winkel- und Arntal heute von Sommerfrischlern bewohnt.  „Die Daitsch’n san gonz narrisch drauf“, sagt der Jörgele. Kein Wunder: Es sind fürwahr biblische Platzerln, umsäumt von 3000 Meter hohen Bergen, in denen man endlos herumwandern kann, um vielleicht nachher zwischen weidenden Kühen ein Nachmittagsschlaferl zu halten. Ja, und der Speck und der Obstler sind noch genauso gut wie zu meinen Studentenzeiten.

Infos: Tel.: +43/(0)4843/5194, website innervillgraten

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2 replies »

  1. Hallo lieber Cousin! Habe die Seite vom Heiner Jeller empfohlen bekommen und muss sagen i bin begeistert!! Gruss vom Bodensee! Claudia

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