Marokko

Skitour im Hohen Atlas

von Karl-Heinz Jeller

Ski fahren in Afrika. Vom höchstem Berg Marokkos, dem 4165 Meter hohen Toubkal – im legendären Afrika-Firn, bei dem die Schneekristallkugerln so groß wie Erbsen sind und die Brettln darauf rauschen und jodeln.
Die Tourenskifirma Hagan und der Bindungsproduzent Silvretta hatten zum großen Ski-Abenteuer in den Atlas gerufen. Unter dem Motto „VIP Tour“ sollten Experten und Journalisten in der dünnen Luft der Viertausender Bindung und Ski der kommenden Saison testen.
Das ist was für mich, sage ich mir im warmen Büro in Wien. Was ist schon der Toubkal für einen waschechten Tiroler. Der Glockner ist auch nicht viel niedriger. Meine letzte Skitour liegt zwar 20 Jahre zurück – aber man weiß ja, wie das geht.
Also nichts wie rauf auf den König des Atlas, von dessen Gipfel man in die märchenhafte Stadt Marrakesch sieht und bis in die Sahara.
Das letzte Berberdorf liegt auf 1800 Meter. Ab da schleppen Mulis unser Gepäck. Das Wetter könnte besser sein. Feiner Regen im Tal, Schnee weiter oben. Nach vier Stunden Aufstieg kommt unser Basislager in Sicht – die auf 3200 Meter gelegene Neltner-Hütte. Die Jeans sind inzwischen nass, die Jacken regenschwer. Doch die vom Französischen Alpenverein neu erbaute Hütte mit 150 Schlafplätzen verspricht Behaglichkeit, Wärme und Erholung.
Raus aus den nassen Klamotten, ein Schluck Whiskey und einmal in die Runde geblickt. Unser Zimmer ist ein Matratzenlager für 20 Personen. Jeder Quadratzentimeter der Hütte ist ausgebucht. Rucksäcke, Skischuhe und Reisetaschen werden in den schmalen Gängen übereinander getürmt.
Trockene Hosen? Pech gehabt! Der Schneeregen ist in die Rucksäcke und Reisetaschen gedrungen. Alles ist klamm und feucht. Und da kein Raum in der Hütte beheizt wird, bleibt auch alles feucht. VIP, VIP, Hurra!

Aschpirin & Früchtebrot Einen erfahrenen Bergfex bringt das aber nicht aus der Ruhe. „Kaarl, was nass isch, nimmsch in Schlafsack eini, da wird’s trockn“, lehrt mich Klaus vom Innsbrucker Alpenverein. Mein Schlafsack besteht den Trockner-Test leider nur mit genügend.
Neuer Tag, neuer Schwung. Heute lacht uns die Sonne. Rund um die Hütte glitzern Viertausender. Wau! Wer braucht da trockene Hosen?
Erste Aufwärmtour zum Akklimatisieren auf 3900 Meter. Unter der glühenden Afrika-Sonne rinnt viel Journalisten-Schweiß und in der dünnen Luft hämmert mein Kopf. „Kaarl, nimm a Aschpirin, des verdünnt des Bluat“. Gleich geht’s mir besser. Danke, Klaus!
So heiß der Tag, so kalt der Abend und die Nacht. Anorak und Pudelmütze sind Standard-Garderobe bei Tisch. Nach dem letzten Bissen sofortiger Rückzug in den Schlafsack. Aus der Hülle krieche ich nur, wenn der Blasendruck zur Qual wird.
Am zweiten Tag verdünnt sich die Gruppe so wie die Luft in Marschrichtung Gipfel. Vier Ausfälle müssen notiert werden. Bei Ugo ist’s der Magen, bei Luzi – ganz böse – das Kreuzband, bei Manfred und Robert fehlender Ehrgeiz. Ich taumle zwischen Ausfall und Gipfeldrang. Meine Augen sind verquollen, mein Kopf hämmert nach Aschpirin – aber ich stapfe weiter.
„Kaarl, geh langsam, dann packsche des leicht.“
Ich pack’s, dank Schrittmacher Klaus und Fritzens Früchtebrot. 4085 Meter zeigt der Höhenmesser dann am Gipfel des Ras N’Quanoukrim. Von vis-a-vis grüßt der Toubkal. Nur 80 Meter ist er höher. Morgen ist er dran. Vielleicht.
Dritter Tag: Das Kopfhaar juckt, die Füße duften. Mein Körper schreit nach großer Reinigung. Doch die Emailtröge im Waschraum sind trotz sibirischer Temperaturen besetzt. Die Gruppe aus Oberösterreich hat Genitalien-Waschtag. Nackte Männerärsche in Reih und Glied, die Hosenbünde in den Kniekehlen und ein sehr kurzes Stück Männlichkeit unterm eisigen Wasserstrahl. „Schon ein bisschen heftig, diese Hütte“, signalisiere ich Mitgefühl. Doch wilde Hunde fühlen anders: „Is eh super!“

Flucht nach Marrakesch Und weil alles hier so super ist, sind sie schon zum dritten Mal da. Für die zehn Tage hat jeder 18.000 S hingeblättert.
Im VIP-Tour-Zimmer kreist die Flasche. Whiskey gegen Husten und Humorverlust. „Und irgendwo“, sagt Silvio nach dem zehnten Schluck, „steckt die versteckte Kamera. Millionen Zuseher – ist euch das klar – amüsieren sich grad über depperte VIPs.“
Vierter Tag: Der Körper streikt. Ich will hinunter.
„Aber Kaarl, den Toubkal, den packsche leicht.“
„Na, Klaus, i pack‘ jetzt z’sam und fahr nach Marrakesch! I will a Dusch, a trockenes G’wand und a guats Lokal!“
Drei weitere Deserteure zieh‘ ich mit in die Tiefe.

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2 replies »

  1. Oh, nein – Sie haben den Gipfel nicht erreicht?? Wie demotivierend 😦 Möchte ihn im August „erklimmen“…
    HzG, Maike

  2. Ja leider, die Verkühlung hat uns zugesetzt und uns demotiviert. Aber die Berge dort sind fantastisch. Sie werden begeistert sein – so Sie Glück mit dem Wetter haben. Ich wünsche Ihnen viel Sonne! 🙂

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