Europa

Wo Monet malte und Obelix seine Hinkelsteine fand

Bretagne & Normandie. Gischtumtoste Küsten, viel Mittelalter und feines Seafood. In Frankreichs Nordwesten kann man es schon aushalten.

Zange, Knacker, zweizackiger Spieß, Nadel mit Widerhaken, Nadel ohne Widerhaken, kleine Gabel, große Gabel und ein kräftiges Messer: Das Besteck lässt alle Deutungen offen. Kommt jetzt der Chirurg oder doch noch einmal der Kellner?

Es kommt der Kellner – uff! – mit einer riesigen Platte Meeresfrüchte: Seespinnen, Krebse, Algen, Schnecken, Jakobsmuscheln, Austern, Austern und nochmals Austern. Los geht’s mit Schlürfen, Knacken, Stochern. Bon Appétit!

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Kreideklippen Falaise d’Amont bei Étretat nördlich von Le Havre

Wir sind im rauen Nordwesten Frankreichs, an den gischtumtosten Küsten der Normandie und Bretagne, wo die Fischer täglich Tonnen an Köstlichkeiten aus dem Atlantik holen. So richtig wohl fühle ich mich in Cancale am Ärmelkanal, dem Zentrum der französischen Austernzucht.

Ich weiß, für viele sind Austern nur ekeliger Schleim. Aber um das gleich klarzustellen, seit der Reise in die Bretagne gehöre ich definitiv zu den anderen. Das Wasser vor Cancale ist so klar und sauerstoffreich, dass die grauen Tierchen dort besonders prächtig gedeihen und schmecken. 1500 Tonnen ernten die Züchter jährlich. Exportiert wird in die ganze Welt. Zu Höchstpreisen.

Ein Dutzend sind 13. Bei den Standln an der Uferpromenade gibt’s das Dutzend dagegen schon um drei Euro. Und weil die in Cancale Austern fast zum Verschenken haben, sind ein Dutzend hier 13 Stück. Bingo! Teller und Zitrone bekommt man dazu, setzt sich auf ein Bankerl mit Blick aufs Meer und … genießt.

Auch sonst gerät eine Reise in die Bretagne und Normandie leicht zum Schlemmertrip. Die Normandie ist u. a. berühmt für den edlen Apfelbrand Calvados; würzige Rohmilchkäse; die Salzlämmer von Mont Saint Michel, die auf Brackwasser-haltigen Weiden ihr Fleisch „vorsalzen“ und g’schmackige Enten, die in allen nur denkbaren Varianten auf den Tisch kommen. Die außergewöhnlichste Version wird im Restaurant des Hôtel de Dieppe in der Hafenstadt Rouen serviert – die von Meisterkoch Michel Gueret kreierte gepresste Ente Caneton Rouennai à la presse. In einer Art Mostpresse wird das Blut aus den Resten der ausgelösten Ente gequetscht und zur Verfeinerung der Sauce verwendet. Und zwar coram publico bei Tisch.

Zwei auf einen Streich. Normandie und Bretagne lassen sich auf einer Reise ideal verbinden. Wir fuhren von Paris einen Bogen gegen den Uhrzeigersinn. Zuerst nordwestlich zum Haus des Malers Claude Monet in Giverny, dann weiter in die Hafenstadt Rouen an der Seine, weiter zum Ärmelkanal und in den Süden der Bretagne nach Vannes. von dort wieder zurück nach Paris.

Auf dieser Route liegen jede Menge Sehenswürdigkeiten: mittelalterliche Städte mit pittoresken Fachwerkhäusern, Schlösser, mächtige Kathedralen, Felder voll mystischer Hinkelsteine (die Vorlagen für die Asterix-Hefte) – und fantastisch schöne Gärten, für die der Nordwesten Frankreichs aufgrund seines mediterranen Golfstrom-Klimas berühmt ist. Aber auch die trutzige Piratenstadt Saint-Malo und die spektakuläre Klosterburg Mont Saint Michel.

In einer Woche geht sich diese Runde locker aus. Wer Französisch spricht, nimmt sich am besten ein Mietauto. Quartiere muss man außer im Juli und August nicht vorreservieren, es gibt genügend charmante Pensionen und Hotels ab ca. 80 € pro Doppelzimmer.

Erstes Highlight auf unserem Rundkurs ist das romantische Landhaus des Malers Claude Monet in Giverny, in dem er von 1883 bis 1926 lebte. Es ist eine Hymne auf die heile Welt. Auf mehreren Tausend Quadratmetern pflanzte Monet Unmengen an Blumen und Bäumen, legte einen Seerosenteich und einen japanischen Garten an. Das ganze Jahr über blüht etwas. „Mein Garten ist mein schönstes Werk“, sagte Monet einmal. Zehn Gärtner halten ihn heute in Form.

Krasses Gegenstück ist St. Malo in der Bretagne. Die Altstadt ist eine graue Festung aus wuchtigen Steinhäusern und Mauern. Es ist die Heimat der Korsaren, die im Dienste der französischen Könige als Piraten die Weltmeere unsicher machten. Das Piratenblut fließt immer noch in den Adern der Einwohner. „Wir sind zu allererst Bürger von St.-Malo, zweitens Bretonen, und wenn noch etwas übrig bleibt – auch Franzosen“, sagen sie stolz.

An den berühmtesten Freibeuter, Robert Surcouf, erinnert ein Denkmal. Legendär sein Dialog mit einem englischen Offizier, dessen Schiff er gekapert hatte. Als der Engländer die Waffen streckte, sagte er zu Surcouf: „Ihr Franzosen kämpft nur des Geldes wegen, wir Engländer um der Ehre willen.“ Darauf Surcouf: „Jeder kämpft für das, was ihm fehlt.“

Wunder des Abendlandes. Unweit von St.-Malo und der Austernstadt Cancale liegt die Klosterburg Mont Saint Michel. Auf einer kleinen Felseninsel vor der Küste erhebt sich 151 Meter hoch die gewaltige Benediktinerabtei. Der Legende nach soll der Erzengel Michael im Jahre 708 dort den Bischof Aubert von Avranches mit dem Bau einer Kirche beauftragt haben.

Im Laufe der Jahrhunderte entstand ein mystisches Labyrinth von Kirchen, Sälen, Gewölben, engen Gassen und Häusern. Die Insel ist auch weltliche Kleinstadt mit Bürgermeister und kleinem Hotel. Sechs Mönche und sieben Nonnen leben noch im Kloster. Seit 1979 ist dieses „Wunder des Abendlandes“ UNESCO-Kulturerbe und meistbesuchte Sehenswürdigkeit Frankreichs.

Bretagne (33)

Unbewegt seit 4000 Jahren: Menhire in Carnac (Bretagne)

4000 Jahre älter und bis heute ein Mysterium sind die Hinkelsteine von Carnac im Süden der Bretagne nahe der Stadt Vannes. 3000 stehen dort in Reih und Glied. Nirgends sonst auf der Welt gibt es so viele. Die Wissenschaftler rätseln bis heute, welches Volk die tonnenschweren Megalithe errichtet hat – und wozu? Vermutlich war es eine Kultstätte, denn auch Gräber wurden gefunden. Ein Vorratslager des Galliers Obelix war es jedenfalls nicht, der warf erst 3000 Jahre später mit Hinkelsteinen auf die Römer.

Top Ten Highlights

1. Monet-Haus in Giverny. Hit
für alle Gartenliebhaber und Fans
des Malers Claude Monet
2. Rouen. „Museumsstadt“ an der Seine mit schönen Fachwerk- häusern und imposanter goti- scher Kathedrale.
3. Die Kreideklippen Falaise d’Amont bei Étretat nördlich von Le Havre sind eine spektakuläre Naturkulisse.
4. Honfleur. Malerische alte Seefahrerstadt.
5. Mont Saint Michel. Die Klosterburg auf der Felseninsel ist ein Muss-Ziel. Führer buchen!
6. Saint-Malo. In der Piratenstadt weht noch der Geist der Freibeuter. Im Feinkostladen „Les Maisons de Bricourt“ des Star- kochs Olivier Roellinger gibt’s exklusive Kräutermixturen.
7. Cancale. Wiege der Austernzucht. Hier gibt’s die Edelmuscheln günstig.
8. Dinan. Ein Schmuckkästchen. Die Altstadt liegt traumhaft schön über dem Fluss Rance.
9. Vannes an der Bucht Morbihan hat wunderschöne Fachwerkhäuser.
10. Carnac. Hier stehen 3000 Megalithe einer unerforschten Kultur.

Info

Beste Reisezeit: Anfang April (da blüht’s schon) bis Oktober

Quartier-Tipp: Die Familienhotels der Vereinigung Logis de France bieten nette Zimmer und gute Küche. Den Führer gibt’s gratis unter http://www.logis-de-france.fr

Tourismus-website: http://www.franceguide.com

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