China: Jangtse-Kreuzfahrt, 643 Tage vor der Flutung

2009 versinkt Chinas berühmte Flusslandschaft in einem riesigen Stausee

von Karl-Heinz Jeller
Noch 643 Tage. Im Hafen von Changshou markieren große rote Lettern das Unvermeidliche. Noch „643 Tage“ bis zur großen Flut. Die Stadt ist längst im schlammig-braunen Wasser des Jangtse verschwunden, die Stadt, die sich vor 400 Jahren so hoffnungsfroh den Namen „Langes Leben“ gab. Mit ihr verschwinden weitere 13 große Städte, 116 Kleinstädte, 1599 Industrieanlagen, Dörfer, Tempel und Felder.
Am Untergang wird seit 1993 euphorisch gearbeitet. 2003 ist der 2,3 Kilometer lange und 185 Meter hohe Drei-Schluchten-Staudamm so weit fertig, dass er den Schicksalsfluss Chinas in Ketten legt. 40 Milliarden Kubikmeter Wasser werden auf 630 km Länge im größten Stausee der Welt gefangen. Er wird die Landschaft und das Leben von 1,5 Millionen Menschen, die in den nächsten Monaten umsiedeln müssen, völlig verändern. Berggipfel werden aus dem See ragen wie Blumentöpfe, Inseln werden entstehen und die weltberühmten drei Schluchten, in denen sich der Jangtse reißend durch tausend Meter hohe, senkrecht abfallende Felswände zwängt, werden ihre Wildheit verloren haben.
PHARAONEN-PROJEKT  Drei Tage dauert die Fahrt stromaufwärts von Yichang bis Chongqing. Nach 35 km taucht im Morgengrauen, von Nebelschwaden gespenstisch verhüllt, der mächtige Damm auf. 22.000 Arbeiter werken rund um die Uhr auf dieser größten Baustelle der Welt. Noch gibt es eine Lücke für die Schiffe. Dicht vorbei am 185 m hohen und 124 m dicken Betonwall.
Die Fotoapparate sind kaum verstaut, rücken die Berge näher. Wir steuern in die Jangtse-Schluchten. Xiling, die erste, ist 66 km lang und nicht sonderlich aufregend. Erst die zweite, die 45 km lange Wuxia-Schlucht hält was die Reisebüros versprechen: 1000 m hohe Wände wie mit dem Messer senkrecht herausgeschnitten, gewaltige Felsrippen, die sich wie Bögen Hunderte Meter weit spannen. Und immer wieder phantasievolle Felsformationen – manche sehen wie Pyramiden aus, andere wie riesige Bergkristalle.
Die dritte schließlich, die nur acht km lange Quatang-Schlucht, verengt sich zwischen glatt geschmiergeltem Fels spektakulär auf bedrohliche 50 m. Nur mit großem Sicherheitsabstand dürfen sie die Schiffe im Einbahnsystem durchfahren. Was immer wieder Staus bedeutet, denn der Jangtse ist die Autobahn zwischen Shanghai und der Industriestadt Chongqing. Hunderte Lastkähne und Passagierschiffe sind täglich unterwegs. Dazwischen mühen sich kleine Fischerboote.
RUSS UND TOTE  In den Schluchten hängen dicke Dieselrußwolken und hallen die Nebelhörner gespenstisch wieder. Und wer genau schaut, sieht auch Leichen vorbeitreiben. „Meist sind es Fischer“, so der Kapitän, „deren unbeleuchtete Boote nachts von den Frachtschiffen gerammt werden.“
Die restlichen 400 km bis Chongqing sind alles andere als eine malerische Fluss-Reise, vielmehr eine durch die Steinzeit des Industriezeitalters. Die Ufer säumen qualmende Fabriksschlote, riesige Kohlehalden und rußgeschwärzte Ziegelbauten – ab und zu unterbrochen von wenigen grünen Feldern, Obstbäumen und Bananenstauden. Und alles ist gehüllt in einen undefinierbaren Dunst aus Nebel, Smog, Ruß und den Dieselwolken der Frachtschiffe.
UNTERGANGSSTIMMUNG  Eine Idylle ist der Jangtse nicht, aber packend interessant. Hier sieht und begreift man die Bedeutung eines Flusses als Hauptverkehrsader und wird jetzt – so knapp vor der Flutung – mit einer Untergangsstimmung konfrontiert, einem Szenario, das einen unglaublichen Touristenboom ausgelöst hat, den selbst die Ereignisse des 11. Septembers nicht zu stoppen scheinen. Kreuzfahrten durch die drei Jangtse-Schluchten und entlang der totgeweihten Städte sind trotz der momentanen Angst vor dem Fliegen hoch gefragt.
Entlang des Flusses markieren Tafeln wie hoch das Wasser steigt: Erst auf 135 m Seehöhe, bis zum Jahr 2009, wenn der Damm endgültig fertig ist, auf 175 m. Unterhalb der künftigen Wasserlinie werden die Städte hastig geräumt, die Häuser ausgeschlachtet wie Autowracks. Oberhalb stehen schon die neuen Städte mit weißen Hochhäusern. Und Brücken überspannen scheinbar sinnlos Täler, die sich dann mit Wasser füllen werden.
Der gigantische Stausee soll der Region und ganz China neue Power geben. Die Jungen freuen sich auf die modernen Wohnungen, die Alten wollen nicht entwurzelt werden. Es ist ein Szenario aus Hoffnung und Tränen.

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