Backyard Travel

In den Dolomiten wächst der Kuppelbauch

Südtirol. Törggelen auf alten Bauernhöfen, Gourmetküche auf Almhütten. Da können Wanderer noch so viele Kilometer machen, irgendwann wölbt sich der Bauch zur römischen Kuppel. Ein Hochgenuss zwischen Seiser Alm, Ritten und Keschtnweg.

DSC_0159Südtirol, das ist deutsch bis in die Fußspitzen. „Woher kimmsch’n?“ „Van Walisch owa.“ So hört es sich an. Im klaren Deutsch: Woher kommst du? Aus dem Welschen.

Südtirol, das ist italienisch. Auf der Landkarte. Die Speisekarte ist ein duales System – Speck und Spaghetti, Knödel und Carpaccio, Obstler und Grappa. Auch das Wetter kann nicht verhehlen, dass es mediterrane Eigenschaften hat.

Kurz: Südtirol, das nach dem Ersten Weltkrieg zu Italien kam, ist ein erzwungener Kulturmix, der heute sprachlich so klingt: Welche Targa hat da Kammion?“ (Welche Nummerntafel hat der Lastwagen?)

Die sehr Alten bleiben noch verbissen bei der deitsch’n Sprach’. Zuviel ist passiert, seit man bei Italien ist. Die Jungen genießen den Mix. Moda Italiana, Speck und Berge. Sie wechseln die Sprache mitten im Satz, verbinden das locker Italienische mit dem bodenständig Tirolerischen.

Bodenständig sind die Berge. Die wettergegerbten Almhütten. Der Lodenhut. Die blaue Schürze der Bauern und Hüttenwirte. Aber was diese auf die rissigen Holztische stellen, ist oft schon wieder italienisiert. Gemüsesuppe mit Gerste und Ruccola-Pesto serviert etwa Franz Mulser in der „Gostner Schwaige“ auf der Seiser Alm. Seine dualen Köstlichkeiten sind bis Hamburg und Palermo bekannt.

Am Ritten

Am Ritten

Für Urlauber ist das Italo-Tirol paradiesisch. Vor allem im Herbst. Wenn die Lärchenwälder feuerrot brennen, die Berge in der klaren Luft zum Greifen nah’ sind und man zwischen Weinproben, alten Burgen und herrlichen Ausblicken so dahin wandert. Rund um Bozen etwa. Auf der Seiser Alm, am Ritten oder am Keschtnweg bei Feldthurns im Eisacktal, wo angeblich 3336 Kastanienbäume stehen und Törggelen noch unaufdringlich echt ist.

Törggelen. Wollt’s a poa Keschtn?“, fragt uns die alte Bäuerin am MoarHof zu Viersch, während sie die Eisenpfanne mit den Maroni über dem lodernden Feuer schwingt. Ja, wir wollen ein paar Kastanien.Maronibäuerin

Törggelen – der alte Brauch, jungen Wein zu verkosten und dazu gebratene Maroni und a Jaus’n zureichen, ist längst eine Touristenattraktion geworden, die mancherorts Ausmaß und Lautstärke von Feuerwehrfesten erreicht.

Am Moarhof zu Viersch aber sitzen wir mit einer Handvoll Einheimischer am grau-bleichen Holztisch, den Rücken an die sonnengewärmte Wand des alten Bauernhauses gelehnt, trinken jungen trüben Vernatsch und schälen Maroni bis die Finger schwarz sind. So muss es auch in der guten alten Zeit gewesen sein, das Törggelen.

Der Keschtnweg ist perfekt für Genusswanderer. Ein 64 Kilometer langes Band von Kastanienhainen an den Hängen des Eisacktales, das sich in sechs Etappen von Vahrn bei Brixen bis zum Rittener Hochplateau bei Bozen zieht. Am Weg liegen Burgen, Klöster und – für profanere Wanderer – auch genügend Törggelen-Höfe.

Freier Blick. Das Schöne an der Berglandschaft um Bozen ist, dass viele Dörfer nicht in die Talböden gezwängt sind, sondern auf sonnigen Hochplateaus liegen. Die malerische Kulisse der bizarr gezackten Gipfelketten hält gebührlich Distanz und wächst einem nicht bei den Ohren hinauf. Der Blick ist frei und weit. Seiser Alm

Wie zum Beispiel auf der Seiser Alm. Der Südtirol-Klassiker ist so weltberühmt wie die Dolomiten und das Matterhorn, so dass man versucht ist, einen weiten Bogen drum herum zu machen. Wer will schon Horden von Wanderern begegnen?

Das aber wäre ein schwerer Fehler. Die größte Hochalm Europas ist trotz Touristenmassen und Seilbahnstützen ein Prachtstück. 57 km² Almböden, umrahmt von einigen der markantesten Bergmassive, die Südtirol aufbieten kann – Langkofel, Rosengarten, Schlern, Sella und die Dolomiten mit Puez- und Geislergruppe.

Davor verneigt sich selbst Reinhold Messner. „Ich habe keinen größeren Berg kennengelernt als die Geislerspitzen“, sagt er als Resümee seiner weltweiten Abenteuer.

Obwohl wir jetzt dem Messner nacheifern und von der Seiser Alm aus rund um den Langkofel kraxeln könnten (dieTour soll wunderschön sein), entscheiden wir uns für die sanfte Lösung. Rundwandern auf der Alm mit Einkehr bei der erwähnten Gostner Schwaige.

Kuppelbauch. Der Franz im blauen Schurz trägt dick auf: Rote-Beete-Nocken, Kräuterknödel, g’schmortes Schulternatl vom Simmentaler Almochsen, Salat von Wiesenblumen mit Balsamico und Olivenöl, selbst gemachten Käse. Luftig leicht bis g’schmackig würzig ist seine geachtete Gourmetküche auf der urigen Hütt’n.

Bevor wir nicht nur am Rücken schwer tragen, sondern sich unser Bauch auch noch wölbt wie eine römische Kuppel, loben und zahlen wir. Denn noch ein Geheimtipp zum fein Schmausen ist uns zugeflüstert worden. Der Gasthof Zuner am Ritten, auf der gegenüberliegenden Seite des Eisacktales. 800 Jahre alt mit Fresken anno 1730 an der Hauswand und urgemütlicher Zirbenholzstube.Gasthof

Drei knorrige Bauern sitzen drin, leeren g’rad die zweite Karaffe Rotwein. Der blaue Schurz ist mit dabei. Man spricht deitsch. Die Pendeluhr füllt die immer länger werdenden Gesprächspausen – dong, dong, dong. Die Abendsonne lässt die Geislerspitzen rot aufleuchten.

Wir finden Südtirol super und essen, was hier am Zunerhof jeder gerne isst: Schlutzkrapfen – bis sich der Bauch endgültig zur Kuppel wölbt.

 

INFO

Wandern: Den Keschtnweg und weitere Routen-Tipps findet man auf der Internetseite der Südtiroler Tourismusinformation unter Wandern & Klettern. www.suedtirol.info

Essen: Gostner Schwaige auf der Seiser-Alm (20 Gehminuten von der Seilbahn-Bergstation). Franz Mulser hat sich mit seiner Gourmetküche, die Traditionelles verfeinert und neu interpretiert, einen Eintrag im Gault-Millau-Führer erkocht. Hauptgerichte 15–25€. Tel. 0039/347 836 8154

Gasthof Zuner am Ritten. Tiroler Hausmannskost perfekt zubereitet. Moderate Preise. Tel. 0039/0471/349006, www.zunerhof.com

Restaurant Kaiserkron in Bozen. Gehobenes Lokal mit reichbestücktem Weinkeller in der Bozner Altstadt (Musterplatz2). Regionale Küche mediterran zubereitet. Hauptgerichte 15–25 €. Tel. 0039/0471/980214, www.kaiserkron.bz

Hotel-Tipps: Parkhotel Laurin, 4*Superior, Via Laurin Straße 4. Das Grandhotel alten Stils ist die erste Adresse in Bozen. In den großzügigen Zimmern und Suiten hängen Originalgemälde zeitgenössischer Künstler. Doppelzimmer ab 150 € inklusive Frühstück. Tel. 0039/0471/311 000, www.laurin.it

Romantikhotel Turm in Völs am Schlern. Die Zimmer sind in vier Türmen und einem Wagenhaus untergebracht. Keines gleicht dem anderen. Der älteste Turm stammt aus dem 13. Jahrhundert und war Wehrturm, Gericht und Kerker. Das Haus ist randvoll mit wertvoller Kunst. Die Besitzerfamilie hat 2000 Ölbilder, Aquarelle und Lithografien zusammengetragen, von Oskar Kokoschka bis Paul Klee. Ab 95 € pro Person mit Frühstück. Tel. 0039/ 0471/725 014, www.hotelturm.it

Taubers Unterwirt in Feldthurns, 4*-Aktiv-&Vitalhotel direkt am Keschtnweg. Schöner Wellnessbereich, spezialisiert auf Behandlungen mit Produkten aus Kastanien. Das Haus ist auch Mitglied der Wander-und Bikehotels und bietet geführte Touren an. Eigene Bikeschule, viergeprüfte Bikeführer. Ab 85 € pro Person inklusive Frühstück, 5-Gang-Menü. Diverse Wander-, Bike-und Vitalpackages. Tel. 0039/0472/855 225, www.unterwirt.com

Weitere Infos: SüdtirolInformation in Bozen, Tel. 0039/ 0471/ 999 999, www.suedtirol.info

Kategorie Slow Travel

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