Abenteuer

Gestrandet in Kalloni

In einem kleinen Dorf am Peloponnes essen alle am liebsten Souvlaki und fahrende Händler bringen Turnschuhe, Slips und Orangen.

Nizisa-Beach nahe Kalloni

Verstecktes Highlight: Nizisa-Beach, drei Kilometer von Kalloni entfernt

Nie und nimmer bleibe ich da länger, ist mein erster Eindruck von Kalloni. Aber weil es schon spät am Abend ist, mache ich hier Station. Kalloni ist ein typisches Nest auf dem Peloponnes, knappe 80 Kilometer südlich von Korinth am Saronischen Golf, Blickrichtung Athen.

In Kalloni gibt es, wie in all diesen Dörfern, genau nichts, was Touristen reizen könnte. Ein Mini-Supermarkt führt das Nötigste zum Leben – Brot, Käse, Oliven, Waschpulver. Alles andere bringen Händler, die täglich mit Lautsprechern durchs Dorf fahren und ihre Waren anpreisen. Gerade kommt ein Bus mit Turnschuhen, ein Bäcker und ein Bus mit billigen Kleidern. 70 Prozent der Dorfbewohner fahren Moped, nur selten begegne ich wem mit Auto – und wenn, dann ist es meist ein alter Kübel. In der einzigen Taverne im Dorf gibt es täglich Souvlaki.

Hotel Manthos: Super Quartier im Nest Kalloni

Hotel Manthos: Super Quartier im Nest Kalloni

Mein Quartier – Hotel Manthos – ist wider Erwarten über-super. Große schattige Terrasse. Blick aufs türkisblaue Meer, auf die Insel Angistri und den Vulkan auf der Halbinsel Methana. Und ein ergrauter Gentleman mit riesen großem Herz als Gastgeber. Man kennt das: auspacken und wohlfühlen.

Soll ich doch länger bleiben? Nachdem Zeit für mich derzeit so viel Bedeutung hat wie für Robinson Crusoe auf seiner Insel, bleibe ich eine Nacht länger . . . dann noch eine . . . und noch eine.

Ein Very-Slowly-Sinneswandel macht sich breit. Kalloni gewinnt an Sympathie. Mein Gastgeber bringt mir am ersten Tag einen Sack voll paradiesisch süßer Orangen aus seinem Hain, am zweiten seinen selbst gekelterten Rotwein in der Plastikflasche – ein himmlischer Tropfen! Und Dimitra, der Wirt in der Souvlaki-Taverne, meint beim zweiten Besuch auf meine Frage, ob er sonst noch was anzubieten hätte, außer Souvlaki: „I understand. You cannot eat everyday Souvlaki. I understand“ – und schaut dabei verstohlen zu seiner Frau.

 

Dimitras Souvlaki-Taverne

Dimitras Souvlaki-Taverne

Als ich das erste Mal bei ihm zu Abend aß und nach der Speisekarte fragte, gab er mir noch keine Chance: „It’s Souvlaki-time!“, sagte er und brachte Souvlaki! Sie waren vom Feinsten und unglaublich günstig – vier Euro die Portion mit Pommes. Aber jeden Tag Souvlaki?

Er hatte dann doch mit seiner Frau gesprochen und heute abend machte sie mir Spaghetti. Und für morgen hat sie mir Lamm versprochen. Sie winkt mir mittlerweile zu. Dimitra erklärt mir sein Speisekarten-System: „You can have everything. Fish, chicken, lamb. Say one day before, and we organize it.“ Auf facebook präsentiert er stolz seine „Ein-Tag-Voraus-Bestell-Palette“ unter dimitrafood. Das muss man sich anschauen: Seine Gerichte bebildert er mit lebenden Tieren. Bei uns wäre das nicht gerade werbewirksam. 

Alle anderen in der Kneipe essen nach wie vor Souvlaki. Täglich! Es sind fast immer die gleichen die kommen. Ein paar alte Männer, Orangen-Bauern, ab und zu ein älteres Pärchen. Sie starren auf den 50-Zoll-Samsung-Fernseher, in dem ein amerikanischer Action-Film mit griechischem Untertitel läuft, reden selten ein Wort und trinken Ouzo.

Blick von Driopi über den Saronischen Golf

Blick von Driopi über den Saronischen Golf

Buch einer Österreicherin macht Dorfbewohnern feuchte Augen. Abends plaudere ich mit Manthos, meinem Gastgeber. Er spricht gebrochen Englisch, erzählt über die Gegend: den schönen Strand von Nizisa, drei Kilometer nördlich, und von einer Österreicherin, die sich im Bergdorf Driopi, dem Heimatort seiner Frau, ein Haus gekauft und ein Buch über das Dorf und seine Bewohner geschrieben hat. Gertud Ortner heißt die Österreicherin, die hier alle nur die Austriaki nennen. Er zeigt mir das Buch – und die Augen seiner Frau leuchten bei den Fotos der Dorfbewohner: Das ist meine Schwester, das mein Vater, meine Mutter, unser Polizist – und da die Besitzerin des Dorfladens.

Bild: Gertrud Ortner

Fahrende Händler versorgen das Dorf, Bild: Gertrud Ortner

In ihrem Buch „Griechenland – Heimat meiner Seele“ beschreibt Gertrud Ortner liebe- und gefühlvoll das Leben in Driopi. Ihre Fotografien sind bemerkenswert schön. Ich lese das Buch in einem Zug durch und fahre am nächsten Morgen nach Driopi – noch mit dem Gedanken im Kopf: Mein Gott, wer kauft sich in dieser gottverlassenen Gegend ein Ferienhaus.

Mein Gastgeber hat schon angerufen, dass ich komme. Der Empfang in Driopi ist rührend. Dank Gertrud Ortner bin ich als Österreicher höchst willkommen. Die Eltern meiner Hotel-Wirtin winken mich ins Haus, tischen Orangensaft auf, bringen das Buch der Austriaki, bekommen feuchte Augen bei den Fotos. Ich bekomme ein Glas mit duftendem Oregano als Abschiedsgeschenk.

Im Kaffeehaus am Dorfplatz winken mich die Männer zu sich. Ich muss einen Kaffee, einen Ouzo und noch einen trinken. Wir unterhalten uns blendend. Scherzen. Lachen. Die Leute hier sind unglaublich herzlich. Und ich verstehe allmählich diese Austriaki. Ein Zuhause in Driopi kann durchaus zur Heimat der Seele werden.

Mein Tipp. Sollten auch Sie jemals in Kalloni oder Driopi stranden – bleiben Sie länger – und kaufen Sie sich das wunderbare Buch von Gertrud Ortner! Erschienen 2011 im AG-Verlag Leibnitz

 

 

 

Advertisements

2 replies »

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s