Abenteuer

Mit Allahs Segen Schwein gehabt

Sie trinken Bier und Wodka, essen Schweinefleisch und die Frauen verschleiern sich nicht: Die Turkmenen sind zwar großteils Moslems aber nehmen das ziemlich locker. Auch wenn sie zur Zeit wie wild Moscheen bauen, sind sie alles andere alles intolerante Fundamentalisten. Der Einfluss aus Sowjetzeiten ist doch noch recht frisch. Die ehemalige Sowjetrepublik ist seit 1991 unabhängig. Für die Seidenstraßler ist Turkmenistan das letzte muslimische Land vor dem Iran, in dem sie noch bei Schweinefleisch und Alkohol zulangen können.
Zum 5. Jahrestag der Unabhängigkeit bekam der 1. Präsident übrigens einen Riesenteppich geschenkt, der heute im sehenswerten Nationalmuseum hängt: 20,67 m lang, 13,9 m breit, 1 Tonne schwer. 35 Frauen haben 6 Monate daran gearbeitet. Vermutlich ist er der größte Teppich der Welt. Bestätigt bekam ich diese Vermutung nicht.
Die neue Freiheit brachte neben der Rückkehr zum Islam auch ein Revival alter Traditionen. Die Frauen am großen Markt von Asgabat tragen fast alle den bunt bestickten Ketini (bodenlanges Kleid meist in Grün oder Rot) und die ebenfalls bunt bestickten Kappen Tachja. Verkauft wird dort alles was eine Turkmene so zum Leben braucht – Besen, Teppiche, Pelzmützen, Lebnesmittel . . .
Besonders erstaunt bin ich von der Freundlichkeit der Turkmenen. Sie winken uns auf der Straße zu, und versuchen – auch wenn die wenigsten Englisch sprechen – ins Gespräch zu kommen. In anderen zentralasiatischen Ländern habe ich das bislang noch nicht so erlebt. Wir haben auch nie das Gefühl, in eine unangenehme Situation zu geraten.
So fein die Turkmenen sind, so fad ist ihre Landschaft. Eine einzige dürre Ebene (80 Prozent Wüste). Auf der Fahrt von Asgabat in den Süden wird zwar Gemüse, Korn und vor allem Baumwolle angebaut und es ist dadurch ziemlich grün – dennoch wirkt alles trist: Betonhäuser, unzählige Telefonmasten, ausgeschlachtete Autowracks, rostige Wasser-und Gasleitungen. Außerhalb von Asgabat ist der Prunk zu Ende.

Versunken im Sand der Karakum-Wüste – Die alten Städte an der turkmenischen Seidenstraße sind im Sand der Karakum-Wüste versunken. Die Reste sind UNESCO-Kulturerbe. Nahe bei Asgabat liegt Nissa. Außer ein paar Lehmmauern und Säulen-Fundamente gibt es dort nichts mehr zu sehen. Für Laien beeindruckender sind da schon Merw und Margiana im Süden.
Pompeij aus Lehm – Rund 150 Kilometer südlich der touristisch uninteressanten Stadt Mary entdeckte der russische Archäologe Victor Sarianidi 1972 im lehmigen Sand der Karakum-Wüste eine unglaubliche Stadt namens Gonur-Depe. Sie wurde 2300 vor Christus gegründet und ist so alt wie die Tempel der Pharaonen in Ägypten. Im damaligen Wüsten-Delta des Flusses Murgab befinden sich weitere 300 Siedlungen. Die ganze Region wurde Margush oder Margiana genannt.
Gonur-Depe ist eine der ältesten Städte der Welt und überraschte die Forscher mit unglaublichen Funden. Die Menschen dieser noch unbekannten Kultur brannten bereits Ziegel und Kacheln mit perfekten Glasuren. Sie legten Kanalisationen an und fertigten feinst ziselierte Kunstwerke aus Gold, Silber, Bronze und Elfenbein. Die Stücke sind im Nationaluseum von Asgabat und im Museum von Mary ausgestellt.

Die Stadt muss einst prächtig gewesen sein – mit einem 160 mal 80 Meter großen See und fantastischen Tempeln. Die Priester, so fand Sarianidi heraus, berauschten sich mit dem „Gottesgetränk“ Saoma, indas sie Heroin und Cannabis mixten. Seit Mitte der 70er Jahre wird ausgegraben und restauriert. Obwohl die Stadt großteils aus Lehm gebaut war, ist relativ viel zu sehen: Ziegelbrennereien, Herde, Teile der Kanalisation und die Grundmauern der Häuser und Tempel.
Merw liegt nur wenige Kilometer außerhalb von Mary. Auf einem 120 km² großem Areal wurden fünf Städte gefunden, die nacheinander und nebeneinander gebaut wurden.
Es waren bedeutende Metropolen an der Seidenstraße in Zentralasien. Obwohl auch hier fast alles aus Lehm erbaut wurde, ist einiges erhalten. Manches wurde bereits mit internationalen Geldern restauriert, z.B. das Mausoleum des Sultan Sanjiar von den Türken. Allerdings „ziemlich schlecht“, jammert unsere Reiseleiterin Elena. „Früher hat es uns besser gefallen“, sagt sie, „jetzt sieht es wie ein moderner Bau aus.“

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