18 Stunden Rüttelfahrt aufs Dach der Welt
Das buddhistische Ladakh ist dem Himmel näher als der Welt. Der Weg nach oben führt über vier hohe Pässe und durch eine spektakuläre Kulisse
von Karl-Heinz Jeller
Wie eine Festung liegt die zu Indien gehörende Provinz Ladakh im nördlichen Himalaja. Abgeschottet hinter mächtigen Gebirgsketten, entrückt vom Rest der Welt. Nur über zwei Wege erreicht man dieses stille buddhistische Land der Klöster, Bergwüsten und Eisriesen: mit dem Flugzeug oder ab Manali im Süden des Himalajas durch eine anstrengende, zweitägige Fahrt im Geländeauto über vier Pässe. Der letzte ist 5260 Meter hoch und damit der zweithöchste befahrbare Pass der Welt. Der höchste liegt ebenfalls in Ladakh in der Nähe der Hauptstadt Leh.
Nur drei Monate ist die Straße offen – vom 15. Juni bis 15. September. Den Rest des Jahres verbarrikadieren meterhohe Schneemassen den Landweg nach Ladakh. Die meisten Touristen wählen den bequemeren Luftweg. Weit faszinierender ist der Ritt im Allrad-Auto über die einspurige Militärstraße und einstigen Karawanenweg über das größte und höchste Gebirge der Welt, durch dünne Luft und eine spektakuläre Bergkulisse. Raiffeisen Reisen bietet die Trans-Himalaja-Tour als sprichwörtliches Highlight an.
Erkundungstour. Produktmanager Jörg Redl erkundete vor zwei Jahren mit einer kleinen Expertengruppe den Weg über das höchste Gebirge der Welt. Der KURIER war mit dabei.
Ist die 485 Kilometer lange Fahrt über Schotterpisten und vom Frost durchlöcherte Asphalt-Passagen Pauschaltouristen überhaupt zumutbar? Wie übersteht man die Übernachtung im Zeltcamp auf 4200 Meter Höhe bei dem niedrigem Sauerstoffgehalt der Luft und Temperaturen um null Grad? Wie geht es den Bandscheiben nach 18 Stunden Rüttelfahrt?
Kurz: Zahlt sich das alles wirklich aus? Ja – meinen die Experten am Ende der Erkundungstour.
Der Himalaja ist so gewaltig, dass die Alpen, Anden und sogar die Rocky Mountains dagegen wie eine Hügellandschaft wirken. Die Felsen tragen Farben, die in dem klaren Licht in dieser Höhe überirdisch leuchten – von Ocker und metallischem Dunkelgrün bis zu Oxidrot, Basaltschwarz und Violett.
Gigantisch. Die Dimensionen sind gigantisch. Der Himalaja ist 2400 Kilometer lang (von Ost nach West) und 300 Kilometer breit. Fad wird einem auf der Fahrt nie. Alle paar Kilometer tun sich neue, imposante Ausblicke auf: 500 Meter breite Flussbette, in denen ein Gespinst von glitzernden Rinnsalen flimmert; Sandberge, die an die Sahara erinnern, aber viel höher sind; Schotterhalden und Felsblöcke so groß wie Einfamilienhäuser, die durch heftige Monsunregen als Lawinen ins Tal geschoben wurden; bizarre Türme aus Sandstein; weite Hochplateaus wie etwa die 35 Kilometer lange Moorebene, durch die der Geländewagen zur Abwechslung einmal schnurgerade dahinbretteln kann.
250 Kilometer lang gibt es auf der Fahrt durch die Bergwildnis kein Dorf. Nur ein paar Nomaden ziehen mit ihren Schafen, Ziegen und Yaks durch die einsamen Hochtäler. Für die Lkw-Fahrer und die wenigen Touristen (einige radeln sogar mit Mountainbikes nach Ladakh) gibt es einige wenige Versorgungsstationen – Shops, Restaurants und „Hotels“ in Plastikzelten.
Nervenkitzel. Für schwache Nerven ist die Fahrt allerdings eine Herausforderung. Oft schlängelt sich das Flickwerk von Straße an steil abfallenden Schluchten entlang. Steile Anstiege konnten die Ingenieure nur mit gewagten Serpentinen überwinden. Und auf den Pässen wird die Luft so dünn, dass einem jeder Schritt den Atem raubt und der Körper mit Kopfschmerzen reagiert. Selbst der niedrigste, der Rothang-Pass, ist mit 3978 Metern um 220 Meter höher als der Großglockner. Der zweite ist mit 4845 Meter höher als der Mont Blanc und die beiden letzten überschreiten die 5000er-Marke.
Die meisten Reisenden brauchen da schon Aspirin-Tabletten zur Blutverdünnung. Größere Probleme (starke Kopfschmerzen oder Schwindel) haben aber die wenigsten.
Höchstes Café der Welt. In Ladakhs Hauptstadt Leh lässt sich das Höhenerlebnis noch toppen. Von dort führt die höchste Straße der Welt auf den 5606 Meter hohen Khardung-Pass.
Oben hält man es allerdings nicht lange aus. Das Atmen fällt schwer, der Wind ist eisig, die Aussicht auf die Himalaja-Gipfel enttäuschend. Wir trinken einen Tee in der höchsten Caféteria der Welt – das baut auf – und kaufen ein T-Shirt mit dem Aufdruck „I was there“ im höchsten Souvenir-Shop der Welt. Golfer wird es auch reizen, einmal auf dem höchsten Golfplatz der Welt bei Leh auf 3550 Meter Seehöhe abzuschlagen. Green gibt’s dort keines, der Parcour ist ein staubig brauner Sandplatz.
Die Hauptstadt selbst ist eine Oase mitten in einer menschenfeindlichen Hochwüste. Gletscherbäche und der mächtige Indus-Fluss, der sich durchs Hochtal nach Pakistan wälzt, lassen hier Leben zu. Gerste, Erdäpfel, Bohnen – und sogar Obst wachsen auf kargen Böden. Äpfel werden allerdings kaum größer als Pflaumen.
Klosterburgen. Die kulturelle Hauptattraktion Ladakhs sind die vielen imposanten Klosteranlagen, die wie Burgen auf den Berghängen thronen – umschwirrt von bunten im Wind flatternden Gebetsfahnen. Bis zu 500 Mönche leben noch in den reicheren Klöstern – etwa in Hemis und Thikse. Beide liegen im Industal, ganz in der Nähe von Leh.
Nach der Unterdrückung des geistlichen Lebens in Tibet durch China ist Ladakh neben Bhutan das einzige Land, in dem der tibetische Buddhismus noch in seiner ganzen Vielfalt praktiziert wird.
Klosterbesuche werden in Ladakh unweigerlich auch zum spirituellen Erlebnis. Wenn das Dong-dong-dong der zu den Punja-Gebeten trommelnden Mönche durch die Klosterhallen schallt, ist der Himmel am Dach der Welt zum Greifen nah.

